Internationale Zeitungskommentare
Presse zu Sarkawi: „Islamischer Guevara“

Die Reaktionen der internationalen Presse auf den gewaltsamen Tod des aus Jordanien stammenden El-Kaida-Anführers im Irak, Abu Mussab el Sarkawi, sind sehr unterschiedlich. Während manche Blätter bereits Licht am Ende des (Bürgerkriegs-)Tunnels ausmachen, tun andere Zeitungen die Tötung als bloße Episode ab.

Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant meint: „Washington hat Osama bin Laden von einem immer stärker werdenden Konkurrenten befreit. Die Liquidierung von Abu Mussab el Sarkawi wird den USA und der irakischen Führung aber nur eine kurze moralische Befriedigung verschaffen. Im besten Fall ebbt die Welle der Terroranschläge etwas ab - aber nur bis die Extremisten im Irak neue Finanzierungswege gefunden haben.“

Die italienische Zeitung La Stampa widerspricht dem amerikanischen Präsidenten: „Die verständlicherweise euphorischen Worte von Bush beschreiben Sarkawi als den Initiator der terroristischen Guerilla, der den Irak in den Bürgerkrieg zu stürzen droht. Aber die Dinge liegen etwas anders. Der von Osama bin Laden gepredigte und von Sarkawi durchgeführte Terrorismus hat sich erst später im Irak ausgebreitet, als es das Phänomen von spontanen bewaffneten Angriffen auf die amerikanischen Soldaten bereits gab und schon zu schrecklicher Alltäglichkeit geworden waren.“

Auch das links-liberale ungarische Blatt Nepszabadsag warnt davor, die Tötung des Terrorführers überzubewerten: „El Sarkawi war im heutigen, bürgerkriegsartigen Zustand im Irak höchstens ein Farbtupfer, ausgelöst hat er ihn nicht. Vielmehr ist jetzt der Augenblick gekommen, es auszusprechen: die Amerikaner können den Irak nicht befrieden. Die Amerikaner müssten endlich gehen, wirklich.“

Wesentlich optimistischer äußert sich die in London erscheinende Times: „Man wird Wochen, vielleicht Monate, warten müssen, bis man einschätzen kann, welche Auswirkungen sein Ende wirklich hat. Aber trotzdem ist dieses Ereignis möglicherweise von enormer Bedeutung. Sein Tod könnte sich sehr wohl als weit bedeutender herausstellen als die Gefangennahme von Saddam Hussein. El Sarkawi war im Irak drei Jahre lang die meiste Zeit im Einsatz, und kein Nachfolger wird in seinen Kreisen das gleiche teuflische Ansehen haben. Er wird schwer zu ersetzen sein.“

Die Basler Zeitung aus der Schweiz sieht el Sarkawis Tod als Chance für eine Verhandlungslösung: „Die Mehrheit derer, die gegen die Truppen einer immer schmaler werdenden internationalen Koalition kämpfen, sind irakische Nationalisten. Ganz gleich, ob es Anhänger des gestürzten Diktators Saddam Hussein sind, sunnitische Stammeskrieger oder Islamisten: Sie alle wollen, dass die Besatzer aus dem Irak abziehen. Viele von ihnen werden sogar froh sein, dass el Sarkawi tot ist. Für die meisten Iraker war es inakzeptabel, dass der El-Kaida-Chef sich erklärtermaßen einen Bürgerkrieg zum Ziel gesetzt hatte. Mit seinen Attentaten tötete er mehr irakische Schiiten und regimetreue Sunniten als US-Soldaten. Hier liegt denn auch die Chance nach dem Tod von el Sarkawi: Ohne seine El-Kaida-Terroristen könnte es den sunnitischen Untergrundkämpfern leichter fallen, sich mit Vertretern der irakischen Regierung zu Friedensgesprächen an einen Tisch zu setzen.“

Die niederländische Zeitung Trouw weist auf diesen Aspekt hin: „Es gibt gute Gründe, Sarkawis Ausschaltung als Pluspunkt im Kampf gegen den Terrorismus zu sehen. Sie setzt das unmissverständliche Signal, dass Gräueltaten nicht ungestraft bleiben. Ein Pluspunkt ist auch, dass sie teilweise auf einen Hinweis aus Sarkawis Netzwerk erfolgte. Das weist darauf hin, dass der irakische Sicherheitsdienst zu funktionieren beginnt und die Regierung die Lage besser in den Griff bekommt.“

Zum Schluss die Meinung des römischen Blattes La Repubblica, das sich mit den Wirkungen des toten el Sarkawi befasst: „Das Bild, das die Amerikaner gezeigt haben, um den vielfach angekündigten und immer wieder dementierten Tod des Vorreiters des Dschihad sichtbar zu machen, wird für einige Zeit dafür sorgen, die unbeugsame radikal-islamistische Jugend - die ihn zu ihrem Idol auserkoren hatte - zu unterdrücken. Dann aber wird er sich in eine Ikone verwandeln: Den islamischen Guevara.“

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