Interview
„Al-Qaidas Terror ist blutige PR“

Reisewarnungen, erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, geschlossene Botschaften: Die Welt fürchtet Al-Qaidas Terror. Nahost-Experte Volker Perthes spricht im Interview darüber, wie Kleinkriminelle bei der größten Terrororganisation der Welt aufsteigen, warum die gezielten Liquidierungen der USA kontraproduktiv sein können und warum die Organisation wie ein Franchise-Unternehmen funktioniert.

Noch bis zum Ende der Woche sollen die US-Botschaften in 19 mehrheitlich von Muslimen bewohnten Ländern geschlossen bleiben. Die Reisewarnung für US-Bürger gilt weiter. Deutschland, Großbritannien und Frankreich schlossen ihre Botschaften im Jemen ebenfalls vorübergehend. Eine Erklärung für die erhöhte Anschlagsgefahr auf westliche Ziele könnte sein, dass sich Nasir al Wuhaischi aus dem Jemen, der laut US-Geheimdienst-Informationen kürzlich zur neuen Nummer zwei der Al Kaida aufgerückt ist, durch einen Terroranschlag „einführen“ will.

Handelsblatt Online: Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?
Volker Perthes Das ist zwar spekulativ, kann aber richtig sein. Allerdings wird umgekehrt ein Schuh draus: Jemand, der bei Al-Qaida aufsteigen will, kann durch einen Anschlag zeigen, dass er geeignet ist für einen hohen Posten.

Also gibt es Phasen, die die Mitglieder durchlaufen müssen, um in der Terrororganisation aufzusteigen?
Es gibt natürlich kein wirkliches Karrieremuster wie bei einer Bank oder einem ähnlichen Unternehmen. Aber sich mit Anschlägen zu empfehlen, passt ins Profil von Al-Qaida. Das hat sich in der Vergangenheit bestätigt.

Inwiefern?
Da ist dann auf einmal von Leuten die Rede, die vorher in der Organisation keine Rolle gespielt haben. Beispielsweise hatte sich Abu Mussab al-Sarkawi, [einer der Führer von Al-Qaida, der 2006 bei einem Luftangriff der USA ums Leben kam] aus Jordanien im Irak mit Anschlägen einen Namen gemacht. So gelangen diese Männer sehr schnell in Führungspositionen. Ähnlich ist es jetzt in Syrien. Dort macht sich Mohammed al-Golani mit Anschlägen einen Namen. Vorher sind die meisten von ihnen völlig unbekannt, meist sind es Kleinkriminelle.

Wie viel Macht haben denn die Führungsspitzen in einer so unüberschaubaren Organisation?
Al Kaida hat keine straffe, militärische Hierarchie, ist mehr ein Netz mit vielen Knotenpunkten. Es gibt eine zentrale Führung, sie kann aber keine direkte Befehlsgewalt ausüben und auch längst nicht alle Aktionen ihrer mit sehr viel Autonomie ausgestatteten ,Knoten‘ übersehen. Al-Qaida gleicht in dieser Hinsicht einem Franchise-Unternehmen. In unterschiedlichen Ländern wenden die lokalen Vertreter unterschiedliche Taktiken an. Das macht die Arbeit für die Überwachungsbehörden weltweit sehr schwer.

Damit sind die Auswirkungen von Liquidierungen von Al-Qaida-Führern aber sehr beschränkt, oder?
Natürlich schwächt es eine Zelle, wenn ihr zweiter oder dritter Mann getötet wird. So machen die Liquidierungen aus Sicht der USA schon Sinn. Allerdings geht damit auch eine Radikalisierung einher. Denn jüngere radikalere und wenig politische Kräfte rücken nach. So eine Liquidierung führt außerdem nicht zum Verlust von Command and Control wie es bei einer straffen, militärischen Organisation der Fall wäre. Das trifft auch den Kern der ständigen Diskussion in den USA, wie gegen den Terror vorgegangen werden soll. Mit Counter-Terrorismus, dessen Teil die gezielte Liquidierung von Einzelpersonen ist, oder mit Counterinsurgency [Deutsch: Aufstandsbekämpfung], also dem Verändern der Umstände in den jeweiligen Ländern, um Al-Qaida den Nährboden zu entziehen. Das beinhaltet den Aufbau von staatlichen Strukturen, von Strafverfolgung und Justiz.

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