Interview
„Es geht nicht ohne Atomkraft“

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Deutschland davor gewarnt, aus der Kernenergie auszusteigen. Chefvolkswirt Fatih Birol schlägt stattdessen im Gespräch mit dem Handelsblatt ein Miteinander der Energieträger vor. Der Atomausstieg ist einer der zentralen Streitpunkte bei den Koaltionsverhandlungen.

Handelsblatt: Herr Birol, es scheint, die Energiesituation hat sich seit Ihrer letzten Prognose dramatisch verändert?

Fatih Birol: Konsumenten und Produzenten sind in einer sehr schwierigen Situation. Wenn wir nicht schnell handeln, haben wir ein Problem mit dem Wachstum der Weltwirtschaft. Das hat Konsequenzen für alle. Deswegen fordern wir die Produzenten auf, in den Ausbau des Energiesektors zu investieren, den Verbrauchern sagen wir: Spart Öl! Schaut auf die alternativen Energien! Sonst werden wir für viele Jahre mit hohen Energiepreisen leben müssen.

In all Ihren Szenarien spielen alternative Energien aber kaum eine Rolle. Warum?

In unserer alternativen Prognose spielen die erneuerbaren Energien durchaus eine wichtige Rolle. Ich glaube aber nicht, dass sie allein eine Lösung für die Klimaprobleme und die Energieversorgungssicherheit sind. Das schafft nur die Kombination aus höherer Energieeffizienz, alternativen Energien und der Atomkraft.

Eine Renaissance der Atomenergie wird kommen?

In vielen Ländern wächst das Interesse. Ich denke, ein kategorischer Ausschluss der Atomkraft ist falsch. In Deutschland ließe sich so zum Beispiel die steigende Abhängigkeit vom Erdgas verringern.

In ihrem optimistischen Szenario werden die CO2-Emissionen weiter steigen. Wann wird es einen echten Rückgang geben?

Ausgeschlossen ist das nicht. Es hängt davon ab, welche Schritte die internationale Gemeinschaft nach dem Kyoto-Abkommen unternimmt. In unseren Szenarien haben wir zum Beispiel den Emissionshandel nicht einbezogen, der könnte viel verändern. Aber ohne wirkliche technologische Durchbrüche werden wir den Trend nicht umdrehen können.

Der Tag, an dem wir kein Öl und Gas mehr brauchen, ist also nicht absehbar.

Wir haben Reserven bis 2030. Aus der geologischen Sicht gibt es da kein Problem. Aber eines Tages werden wir ohne Öl und Gas leben müssen. Darauf müssen wir uns jetzt vorbereiten. Das ist so, als würde ein alter Mann mit einer sehr jungen Dame zusammenleben. Er weiß, Mademoiselle Erdöl wird ihn eines Tages verlassen. Um sein Leid zu lindern, ist es daher besser, wenn er sich vorher von ihr trennt.

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