Interview
„Im Osten wird die Erholung robuster“

Der IWF hat die Krise verschäft. Und zwar mit einer falschen Sparpolitik. Das glauben zumindest amerikanische Forscher. Jetzt bezieht Marek Belka Stellung. Warum der Europadirektor des IWF die Kritik für völlig falsch hält – und warum er vermutet, dass Osteuropa schneller wieder auf die Beine kommt als Westeuropa.
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Herr Belka, wie steht Osteuropa ein Jahr nach Beginn der Krise da?

Man kann die Situation im Osten nicht von Westeuropa trennen. Die Wirtschaftsbeziehungen und Kapitalflüsse gehen vor allem in eine Richtung: Vom fortgeschrittenen Europa zum aufstrebenden Europa. Was im Westen geschieht, bestimmt die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa.

Und auch dort ist alles noch sehr zerbrechlich...

Ja, die Wiederbelebung ist noch schwach. Deshalb gibt es viele Risiken, etwa durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wir vermuten zwar, dass die Erholung im Osten robuster ausfallen wird als im Westen, weil das Wachstumspotenzial größer ist. Aber das Bild ist unterschiedlich. Ländern, die über ihre Möglichkeiten gelebt hatten, wie die Balten und Ungarn, aber auch Spanien und Island, steht eine tiefe Umstrukturierung bevor.

Wie wurde die Krise gemanagt?

Wenn wir uns das Ausmaß der Ungleichgewichte ansehen, dann ist es gelungen, den Schaden in Grenzen zu halten – dank der Kooperation des IWF mit der internationalen Gemeinschaft. Es ging darum, Vertrauen wieder herzustellen. Dazu haben wir unsere Programme angepasst, statt nur zu bremsen.

Der Vizegouverneur der tschechischen Zentralbank, Mojmir Hampl, hat den IWF angegriffen, weil er Länder mit zu viel Geld rette, um sich unentbehrlich zu machen. Tut der IWF zu viel?

Solche Behauptungen sind es im Grunde nicht wert, kommentiert zu werden. Das ist einfach so falsch, dass sich jedes Wort dazu erübrigt.

Das Washingtoner Center for Economic and Policy Research wirft dem IWF vor, durch eine harte Sparpolitik die Krise zu vertiefen.

Auch das ist völlig falsch. Sonst wurden wir immer dafür kritisiert, dass wir fiskalisch zu expansiv seien. Richtig ist: In allen Fällen, wo der IWF eingesprungen ist, haben wir geholfen, das Ausmaß der fiskalpolitischen Anpassung zu begrenzen, etwas in Lettland, der Ukraine oder Ungarn. Wir haben all diesen Ländern ein relativ großes Budgetdefizit erlaubt.

Von Serbien hingegen verlangt der IWF sehr einschneidende Maßnahmen...

Man ist dort in die Krise gegangen mit einem aufgeblasenen staatlichen Sektor, einem großen Zahlungsbilanzdefizit. Ohne unser Programm wäre die Anpassung noch viel radikaler.

Der IWF habe durch eine erleichterte Vergabe von Krediten seine Prinzipien aufgeweicht, wird kritisiert. Was ist da dran?

Wenn wir dafür kritisiert werden, einerseits zu lax, andererseits zu streng zu sein, dann bedeutet das eigentlich, dass wir ganz gut liegen mit unserer Politik. Aber im Ernst: Zuerst war das wichtigste, schnell Hilfe bereitzustellen, um einen Zusammenbruch zu vermeiden. Und ja, manche Benchmarks wurden da heruntergefahren. Aber gleichzeitig haben wir etwa im Falle Ungarns ganz genau auf die Einhaltung von Strukturelementen unserer Politik geachtet.

Wie funktioniert die neue Flexible Kreditlinie?

Im Falle Polens, das jetzt auf 20 Mrd. Dollar zugreifen könnte, wirkt das recht gut. Die Reserven dort hatten nicht gereicht, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu decken. Das ist durch diesen Kredit jetzt weitgehend gesichert und schützt vor Spekulationen gegen die polnische Währung.

Viel wurde darüber gestritten, wer für die Rettung in Not geratener Länder in Europa zuständig sei, die EU oder der IWF...

Beide Institutionen haben gezeigt, dass sie sich gut ergänzen. Der IWF leistet in Zeiten der Krise Hilfe. Wir haben Rettungsteams, die innerhalb von 24 Stunden eingreifen können. Aber auch die EU hat ihre Mittel und Möglichkeiten aufgestockt.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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