Interview:
ING-Chef Ewald Kist: Was zählt ist ein guter Ruf und Vertrauen

Ewald Kist, Vorstandsvorsitzender des niederländischen Allfinanzkonzerns ING N.V., will nachhaltiges Wirtschaften nicht nur im eigenen Konzern, sondern auch bei Kunden und anderen stakeholdern voran treiben. “Unsere Mitarbeiter sollen sich mit Corporate Social Responsibility (CSR) genau so gut auskennen wie mit Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder Eigenkapitalrendite (RoE). Sie sollen Kunden zu nachhaltigem Wirtschaften anregen“, sagte Kist im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Institut erhielt von dem Magazin „The Banker“ im September die Auszeichnung „Corporate Social Responsibility Bank of the year 2003“.

HB: Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für die internationale Wirtschaft?

Ewald Kist: Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen bei der Bekämpfung der Armut, dem Schutz der Umwelt und der Menschenrechte sowie für eine nachhaltige Entwicklung sind in aller Munde. „Corporate Social Responsibility“ (CSR) und „Corporate Citizenship“ (CC) stehen ganz oben auf den Tagesordnungen vieler multinationaler Unternehmen. Beim Weltwirtschaftsforum im vergangenen Jahr benannten 36 Konzernchefs diese als eine der wichtigsten Herausforderungen für die Unternehmensführung in der Zukunft.

Im 2002 legte die Internationale Handelskammer ihren Mitgliedern die Entwicklung eigener Initiativen und CSR-Standards für ihre gesellschaftliche und soziale Verantwortung nahe und gab praktische Tipps. Der World Business Council for Sustainable Development bezog mit einem Positionspapier während des UNO-Gipfels für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg Stellung. Multinationale Unternehmen erstellen zudem nachprüfbare CSR-Berichte. Nach einer KPMG-Studie von berichten inzwischen 45% der Fortune 250 Top-Unternehmen zusätzlich zur Finanzlage auch über ihre Leistungen hinsichtlich Gesellschaft und Umwelt. Es ist also deutlich, dass das Bewusstsein für CSR sich zunehmend verbreitet. Es tut sich etwas.

HB: Aber die Definitionen und das Engagement sind sehr verschieden.

Ewald Kist: Stimmt, aber das kommt dadurch, dass die Idee der Nachhaltigkeit und der CSR noch in der Entwicklung ist und für viele Unternehmen ganz neu ist. Viele Unternehmen muessen sich noch damit auseinandersetzen. Was verbirgt sich hinter Begriffen wie „Corporate Social Responsibility“ und „Corporate Citizenship“? Wie viel Zeit und Energie sollte man hierfür aufwenden? Kann CSR in das Kerngeschäft eingebunden werden? Ist das Ganze nur ein kurzlebiger Trend oder von Dauer?

Wie auch immer die Definition im Einzelnen aussieht, es gilt stets dieselbe Grundidee: dass ein Unternehmen überall auf der Welt all seinen potentiellen Partnern gegenüber verantwortlich handelt. Bei ING benutzen wir den Begriff „nachhaltige Entwicklung“ und dessen international anerkannte Definition: „ein dynamischer Prozess, der es allen ermöglicht, ihre Lebensqualität bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt zu verbessern.“ Nachhaltigkeit ist das Ziel am Ende des Prozesses.

HB: Was können Unternehmen konkret dafür tun? Was tut die ING?

Ewald Kist: Unternehmen können zu diesem Ziel beitragen durch offene und transparente, auf ethischen Werten und der Achtung aller beteiligten Stakeholdern basierende Geschäftspraktiken. Stakeholder sind Kunden, Aktionäre, Mitarbeiter und die Gesellschaft im weitesten Sinne. Wir stehen im vielfältigen Dialog zu sozialen Interessengruppen, Nichtregierungsorganisationen für Umweltschutz, Regierungen, Behörden, Verbraucherorganisationen, Organisationen und Einrichtungen für regionale Entwicklung, multilateralen Institutionen wie UNO und Weltbank u.a.m..

Der Gewinn ist und bleibt zwar die wichtigste Dimension, da Gewinne unser Fortbestehen als Unternehmen sichert und somit auch die Grundlage für unseren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung bildet. Das Gewinnstreben der ING berücksichtigt jedoch auch soziale Belange und den Umweltschutz und was dies für die öffentliche Meinung und den Ruf des Unternehmens bedeutet. Diese Aspekte bei Finanzierungsentscheidungen zu berücksichtigen ist eine relativ neue Entwicklung und erfordert die kontinuierliche Schulung von Management, Kreditrisikomanagern und Kundenberatern. Wir stehen hier noch am Anfang eines Lernprozesses und sammeln Erfahrungen bei der praktischen Umsetzung.

Ein Beispiel ist die Entscheidung, uns zusammen mit anderen global operierenden Banken, den sogenannten „Equator-Prinzipien“ anzuschliessen. Das sind Richtlinien, entwickelt von der International Finance Corporation der World Bank, wie Finanzinstitute bei der Kreditvergabe für große Projekte in den Entwicklungsländern soziale und Umwelt-Aspekte berücksichtigen sollten.

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