Interview: Jochen Hippler
„11. September hat Wahrnehmung verändert“

Die Gefahr des Terrorismus wird überschätzt, sagt Jochen Hippler, Buchautor und Politikwissenschaftler am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg. Im Interview mit Handelsblatt.com spricht er über den 11. September, die Wahrnehmung des Westens und die tatsächliche Bedrohung durch den Terror.

Erst kam der 11. September, danach folgten Anschläge in Istanbul, Madrid und London. Jetzt haben zwei junge Männer auch in Deutschland versucht, Bomben zu legen. Warum wird der Terrorismus immer gefährlicher?

Ob die Gefahr wirklich gewachsen ist, darüber kann man streiten. Die Anschläge vom 11. September waren eine große Ausnahme, die unsere Wahrnehmung verändert hat...

... aber die Anschläge von heute sind doch Realität, nicht nur in Europa!

Die Gefahr ist real, aber wir unterschätzen heute den Terrorismus, den es vor dem 11. September gab. Nehmen Sie zum Beispiel das Massaker an der israelischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München, oder die Sprengung des Passagierflugzeuges über dem schottischen Lockerbie 1988. Der Terrorismus hat sich zwar weiterentwickelt, aber nicht grundlegend geändert.

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Und die Terrorgefahr durch die Massenvernichtungswaffen – ist die nicht neu?

Auch hier kommt wieder die Wahrnehmung ins Spiel: Als Saddam Hussein Ende der 80er tausende Kurden mit Giftgas tötete, hat das bei uns wenig Panik ausgelöst. Natürlich versuchen auch Terroristen, an immer bessere Waffensysteme zu kommen, als Drohpotential oder möglicherweise auch zur Einsetzung. Das Problem bezieht sich aber nicht nur auf den Terrorismus, sondern auf die Verbreitung der Waffen insgesamt.

Bleibt die Frage, wie die Anschläge vom 11. September unsere Wahrnehmung so stark verändern konnten.

Die Bilder des 11. Septembers waren hoch emotionalisiert und fokussiert. Die Terroristen versuchen eben, eine gute Medienpolitik zu machen, die Summe der Opfer allein ist nicht spektakulär. Jahr für Jahr sterben weitaus mehr Menschen im Straßenverkehr oder durch Schusswaffen. Nur das ist, außer für einen kleinen Kreis von Angehörigen, nicht so richtig wahrnehmbar.

Ist der Terrorismus also kein großes Problem?

Doch, die Anschläge hat es ja gegeben, davor sollten wir die Augen nicht verschließen.

Was ist also zu tun?

Um den Terrorismus von außerhalb vorzubeugen, müssen wir vor allem die regionalen Konflikte lösen – in Palästina etwa, in Kaschmir, in Tschetschenien oder im Irak. Die zweite Tätergruppe ist hausgemacht, sie hat sich hier radikalisiert. Sie bedienen sich ideologisch am Islam, haben aber ein sehr begrenztes theologisches Verständnis. Schuld daran sind meistens banale Integrationshindernisse, etwa in der Bildung oder in den Erwartungen.

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