_

Interview: Krise in Osteuropa hat gerade erst begonnen

exklusiv Für Thomas Mirow, den Präsidenten der Osteuropabank EBRD, ist die Krise der osteuropäischen Staaten noch lange nicht vorbei. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt Mirow, warum die Rezession im Osten so tiefgehend ist, wie den Ländern geholfen werden kann und warum er trotz allem relativ optimistisch ist.

Thomas Mirow: "Was in Staaten wie Lettland oder der Ukraine passiert, ist wirklich dramatisch." Quelle: ap
Thomas Mirow: "Was in Staaten wie Lettland oder der Ukraine passiert, ist wirklich dramatisch." Quelle: ap

Herr Mirow, in Osteuropa herrscht relative Ruhe. Hätte es aber nicht längst einen Staatsbankrott gegeben, wenn Währungsfonds und EU nicht mit milliardenschweren Hilfspaketen eingestiegen wären?

Anzeige

Ich finde es erst einmal bemerkenswert, dass es zu keinem einzigen Staatsbankrott gekommen ist. Das zeigt, dass die internationalen Institutionen funktionieren. Aber der Begriff relative Ruhe ist in der Tat sehr passend. Was aktuell in der Realwirtschaft in Staaten wie Lettland oder der Ukraine passiert, ist wirklich dramatisch. Die ukrainische Volkswirtschaft wird in diesem Jahr um 15 Prozent schrumpfen, eine gewaltige Größe. Von Ruhe kann daher nur in Bezug auf die Banken gesprochen werden - dort ist die Lage in der Tat besser. Wir können jedenfalls nicht so tun, als ob die Krise in Osteuropa schon vorüber wäre.

Dass in Osteuropa kein Land zahlungsunfähig wurde, ist der große Unterschied zu anderen Krisen wie etwa in Lateinamerika?

Genau. Während der vergangenen 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist es gelungen, die osteuropäischen Länder in die globale Wirtschaft zu integrieren. Auch wenn sich internationale Investoren wieder zurückgezogen haben: Es gibt viele andere Banken und Unternehmen, die ein langfristiges Interesse an der Region haben. Diese Firmen haben sich nicht aus Osteuropa verabschiedet und bleiben dort. Dahinter steckt die Erwartung, dass die Krise nicht ewig anhalten kann und dass sich der Aufwärtstrend auf längere Sicht wieder durchsetzen wird. Sicherlich hilft auch, dass die meisten Länder Mitglieder der Europäischen Union geworden sind - das bedeutet vor allem mehr an institutioneller Sicherheit.

Warum ist die Krise in Osteuropa trotzdem so tiefgehend? Warum schrumpft die Wirtschaft in einem Land wie der Ukraine in diesem Jahr um 15 Prozent?

In den vergangenen Jahren hat Osteuropa sehr stark von internationalen Kapitalzuflüssen profitiert. Außerdem war die Nachfrage nach den Produkten aus der Region groß. Wer dann noch Rohstoffe im Angebot hatte, profitierte von hohen Weltmarktpreisen. Die internationalen Kapitalströme sind heute aber versiegt, das Geld wurde zu großen Teilen wieder abgezogen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die osteuropäischen Länder zu sehr von Kapital aus dem Ausland angewiesen waren. Die Volkswirtschaften sind zwar extrem gewachsen, nicht aber auf der Basis eines eigenen Kapitalstocks.

Haben die großen Kapitalzuflüsse die hohen Wachstumsraten von neun oder zehn Prozent nicht regelrecht erzwungen? Und dann war klar, dass der Absturz später kommen musste?

Sicherlich kann man hinterher immer sagen, dass es drei oder vier Prozent an jährlichem Wachstum genauso getan hätten. Aber auch sehr solide Länder wie Polen sind damals stark gewachsen. Eine Sache wäre jedoch möglich gewesen: Mehr Länder hätten sich darum bemühen sollen, zügig der Euro-Zone beizutreten. Das hätte für die gesamte Region deutlich mehr Stabilität zur Folge gehabt. Viele aktuelle Probleme wären uns erspart geblieben. Und das sollte auch die Zielrichtung für die Zukunft sein.

Spielt die Europäische Zentralbank trotzdem schon eine größere Rolle in der Region?

Selbstverständlich, allerdings auf indirekte Weise. Die EZB hilft den westeuropäischen Banken mit Liquidität und bekämpft auf diese Weise die Krise. Westeuropäische Banken sind aber auch die dominierenden Kreditinstitute auf der östlichen Seite des Kontinents. Indirekt kommt die Unterstützung der EZB für die Banken aus der Euro-Zone auch in Osteuropa an.

Gibt es noch etwas anderes, was helfen kann?

Eine wichtige Rolle werden die künftigen Bilanzierungsvorschriften für die Banken spielen. Es werden einige Änderungen diskutiert - und das hat natürlich seine Konsequenzen für die Kapitalausstattung der Banken. Konkrete Ergebnisse dazu sollten wir bis zum Ende dieses Jahres haben. Eine gewisse Entlastung sollte auch dadurch möglich sein.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Umfragewerte: Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Ganze drei Prozent verliert die Union in einer aktuellen Umfrage. Mit nur 32 Prozent Zustimmung muss Merkels Partei sogar aufpassen, nicht von der SPD eingeholt zu werden. Doch aus der Partei kommen optimistische Töne.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International