Interview mit Ali Laridschani, Unterhändler für das iranische Atomprogramm
„Wir brauchen internationale Garantien“

Der Atom-Unterhändler Irans, Ali Laridschani, hat erstmals einen möglichen Verzicht auf die umstrittene Uran-Anreicherung angedeutet. „Wir sollten eine friedliche Atomtechnologie haben“, sagte Laridschani in einem Interview mit dem Handelsblatt am Rande der Münchener Sicherheitskonferenz. „Aber wenn wir eine sichere Lieferung (von Brennstäben) hätten, brauchten wir diese Technologie nicht selbst entwickeln.“

HB MÜNCHEN. Laridschani bezeichnete die Idee einer internationalen Organisation, von der Schwellenländer Brennstäbe für Atomreaktoren beziehen könnten, als „gute Idee“. "Aber es dauert lange, bis so eine Idee umgesetzt werden kann. Denn es brauchte eine Art internationaler Garantie für die Lieferung von Brennstäben." Bisher hatte Iran stets ablehnend auf die Idee einer solchen multilateralen Organisation reagiert.

Handelsblatt: War Ihr Besuch in München ein Zeichen, dass die Chancen für eine Lösung im Streit um das iranische Atomprogramm wieder gestiegen sind?

Laridschani: Wir sind hoffnungsvoll, weil wir an einer Verhandlungslösung interessiert sind.

Handelsblatt: Haben Sie denn neue Ideen für eine Lösung?

Laridschani: Irans Atomprogramm nicht sehr kompliziert. Falls man einen realistischen Ansatz hat, findet man schnelle eine Lösung. Falls jedoch politische Überlegungen für Abenteurer dominieren, dann wird es schwierig. Es geht also um den politischen Willen.

Handelsblatt: Eine Lösungsidee ist eine internationale Organisation für Atommaterial, aus der Schwellenländer Brennstäbe für ihre Reaktoren beziehen können. Klingt das interessant?

Laridschani: Das ist eine gute Idee. Aber es dauert lange, bis so eine Idee umgesetzt werden kann. Denn es bräuchte eine Art internationaler Garantie für die Lieferung von Brennstäben. Wir haben unsere Erfahrungen gemacht: Die USA hatten etwa schon in der Schah-Zeit einige Atomverträge abgeschlossen. Aber nach der Islamischen Revolution wurden die Verträge annuliert. Zudem hat Iran schon zu Schah-Zeiten zehn Prozent an dem Anreicherungsunternehmen Eurodif in Frankreich gekauft. Aber seit Jahrzehnten haben wir kein angereichertes Uran erhalten. Ein Grund, der uns dazu gebracht hat, die Urananreicherung anzugehen, ist die Erfahrung, dass solche Verträge sehr leicht gebrochen werden können. Deshalb haben wir kein Vertrauen. Deshalb braucht es eine internationale Garantie.

Handelsblatt: Wie soll eine internationale Garantie aussehen?

Laridschani: Ein internationales System sollte unter Beteiligung der betroffenen Länder geplant werden. Es ist etwa wichtig festzuschreiben, dass die Preise nicht von einem Tag auf den anderen geändert werden können oder dass plötzlich entschieden wird, Material dem einen Land zu geben, einem anderen aber nicht. Wie gesagt, Länder haben aus politische Überlegungen Verträge gebrochen. Brennstäbe sind aber vital für ein Land wie Iran, das in den nächsten 20 Jahren 20 000 Megawatt Atomstrom haben wird. Deshalb fordern wir sehr klare Regeln. Falls es eine solche Garantie gäbe, würden wir sie begrüßen.

Handelsblatt: Und dann würde Iran auf die eigene Urananreicherung verzichten?

Laridschani: Wir sollten eine friedliche Atomtechnologie haben. Aber wenn wir eine sichere Lieferung hätten, bräuchten wir diese nicht selbst entwickeln. Deshalb müssen wir das Thema unter logischen und vernünftigen Bedingungen prüfen und entscheiden. Dieser Prozess könnte sehr erfolgreich sein. Aber er kann nicht durch Druck zustande gebracht werden. Das Problem ist, dass die Amerikaner die Sprache der Gewalt nutzen. Damit erreicht man nichts. In einer vernünftigen Atmosphäre könnte alles geklärt werden.

Handelsblatt: Machen Sie einen eigenen Vorschlag oder warten auf Modelle der IAEA?

Laridschani: Ich denke, dass sich eine Organisation wie die Opec bilden sollte. Es muss eine Gruppe geben, die die nötige Koordinierung der Arbeit übernimmt.

Handelsblatt: Nicht nur die USA wollen keine iranische Anreicherung, auch die Europäer, die Golfstaaten und der Uno-Sicherheitsrat fordern dies. Besorgt Sie die internationale Isolation Irans nicht?

Laridschani: Die Europäer sollten sich um uns nicht so viel Sorgen machen. Wir verstehen unsere Situation. Würde sich die Probleme in der Region klären, wenn Iran isoliert wäre? Brauchen wir Frieden in der Region oder eine Sprache der Gewalt? Wir sind eine unabhängige Nation und wollen unsere Rechte durch internationale Regeln sichern.

Das Gespräch führte Andreas Rinke.

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