Interview mit Alistair Darling
Darling: „Protektionismus wäre fatal“

„Wir brauchen eine neue Finanzarchitektur“ – Großbritanniens Schatzkanzler Alistair Darling hat klare Vorstellung, wie die Finanzkrise zu meistern ist. Im Handelsblatt-Interview spricht er über Protektionismus, die nationale Bankenhilfen und warum es wichtigere Fragen gibt, als die Einführung des Euro.

Dieses Wochenende kommen die wichtigsten acht Industriestaaten zusammen, um über die Finanz- und Wirtschaftskrise zu sprechen. Was erhoffen Sie sich von dem Treffen?

Die einzelnen Länder haben eine Vielzahl von Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise auf den Weg gebracht. Das ist auch gut so. Aber jetzt müssen wir unsere Anstrengungen besser koordinieren, um zu verhindern, dass es zu Protektionismus – auch zu unbeabsichtigtem Protektionismus – kommt. Ansonsten drohen uns ähnlich katastrophale wirtschaftliche Konsequenzen wie in den 1930er-Jahren.

Das ist ein frommer Wunsch, aber gerade Großbritannien verpflichtet ja Banken, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, mehr Kredite an heimische Firmen zu vergeben, während die Geldhäuser ihr Engagement im Ausland zurückfahren. Ist das nicht schon Protektionismus?

Die Amerikaner schützen ihren Bankensektor, die Deutschen helfen ihren Geldhäusern und wir unseren. Jedes Land trifft seine eigenen Maßnahmen, und das ist auch legitim. Aber wenn wir unsere Aktionen besser koordinieren oder sogar gemeinsam angehen, dann sinkt das Risiko, dass einzelne Maßnahmen protektionistisch wirken.

Derzeit hat Großbritannien den Vorsitz der G20-Gruppe, zu der auch die großen Schwellenländer gehören. Im April treffen die Regierungschefs in London zusammen, um Konsequenzen aus der Finanzkrise zu ziehen. Auf welche Ergebnisse dürfen wir hoffen?

Wir brauchen eine neue Finanzarchitektur. Die internationalen Institutionen wurden vor 60 Jahren geschaffen und reichen nicht mehr aus, um mit den heutigen Problemen fertigzuwerden.

Das heißt konkret?

Der Internationale Währungsfonds könnte deutlich mehr tun als bisher und sollte zu einem Frühwarnsystem für Finanzkrisen ausgebaut werden. Außerdem wollen wir das 1999 auf Initiative der G7 gegründete Financial Stability Forum ausbauen. Große Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien sollten so schnell wie möglich Mitglied werden. Gerade China – ein Land, das irgendwann die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein wird – muss seine Verantwortung bei der Überwindung der Krise wahrnehmen.

Wie sieht es mit der Regulierung der Finanzmärkte aus? Bislang hat sich Großbritannien stets gegen eine paneuropäische Bankenaufsicht gewehrt.

Klar ist, dass die alte Regulierung versagt hat, sonst hätte sich keine Kreditblase aufblähen können. Klar ist auch, dass wir mehr internationale Zusammenarbeit bei der Kontrolle großer, weltweit tätiger Banken brauchen. Aber ich glaube, dass es im Moment drängendere Probleme als eine paneuropäische Finanzaufsicht gibt – zumal es für den globalen Finanzplatz London genauso wichtig ist, was in Asien oder den Vereinigten Staaten passiert.

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