Interview mit Andras Simor
„Wir waren zu selbstgefällig“

Die Finanzkrise hat Ungarn voll erwischt. Jetzt plant das Land plant massive Einschnitte bei den Sozialausgaben, um das Haushaltsdefizit zu verringern und das Vertrauen internationaler Investoren zurückzugewinnen. Das kündigte der ungarische Notenbankchef Andras Simor im Gespräch mit dem Handelsblatt an. Das Land müsse sparen, weil es jahrelang über seine Verhältnisse gelebt habe. Außerdem soll Ungarn möglichst schnell den Euro bekommen.

Handelsblatt: Herr Simor, mit der massiven Anhebung der Zinsen in der vergangenen Woche haben Sie für einen Paukenschlag gesorgt - drei Prozentpunkte mehr auf einen Schlag sind ungewöhnlich. Ist das eine Kriegserklärung an internationale Spekulanten?

Simor: Die Erhöhung der Zinsen macht es viel schwieriger, gegen den Forint zu spekulieren. Wir konnten einfach nicht warten. Ungarn muss jetzt aber zusätzlich an seinem Risikoprofil arbeiten und wieder attraktiver für Investoren werden. Dazu gehört auch die Ankündigung der Regierung, das Staatsdefizit weiter zu reduzieren. Dadurch wird Ungarn schon im nächsten Jahr die Maastricht-Kriterien erfüllen, die theoretisch den Beitritt zur Euro-Zone erlauben würden.

Kann Ungarn damit das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen?

Ungarn hat in der Tat einige Jahre hinter sich, in denen unser Land auf den internationalen Finanzmärkten kein Vertrauen aufgebaut hat. Das gilt besonders für die Zeit von 2002 bis 2006. Was die Regierung aber nach 2006 geschafft hat, sollte eigentlich jedermann beeindrucken: Das Staatsdefizit ist in zwei Jahren von neun auf drei Prozent gefallen. Insofern hat die Regierung in letzter Zeit sehr viel getan, um das Vertrauen an den Märkten wiederherzustellen. Leider haben sich die Märkte in den vergangenen Wochen sehr schnell bewegt - und darauf müssen wir jetzt mit zusätzlichen Schritten reagieren.

Ungarn ist in den vergangenen Tagen häufig mit Island verglichen worden. Können Sie diesen Vergleich noch hören?

Natürlich mag ich diesen Vergleich nicht, denn er hinkt. Die meisten ökonomischen Daten in Ungarn sind viel besser als in Island. Verschuldung, Devisenbestand, Leistungsbilanz - eigentlich alles. Die Realwirtschaft in Ungarn ist um ein Vielfaches stärker: 70 Prozent der isländischen Exporte kommen aus der Fisch-Industrie, Ungarn hingegen exportiert beispielsweise Autos von Audi und Opel.

Andere Länder aus Ihrer Region wie Tschechien haben aber deutlich besser gewirtschaftet . . .

Wir haben es hier nicht mit einem sportlichen Wettbewerb wie den Olympischen Spielen zu tun, bei dem zum Schluss Goldmedaillen verteilt werden. Das hier ist ein Wettbewerb, der niemals endet. In den 90er-Jahren haben wir die meisten Sachen ziemlich gut gemacht, und andere waren noch längst nicht so weit. Jetzt ist es anders herum. Ich bin aber ziemlich sicher: In ein paar Jahren ist Ungarn wieder zurück.

Hilft es Ihnen, dass auch andere Länder wie die Ukraine in den Fokus der Investoren geraten?

Mich stimmt das nicht glücklich, wenn andere Länder in Schwierigkeiten stecken. Ungarn muss sich selbst helfen und kann nicht auf andere Länder warten, die uns vielleicht unterstützen. Ungarn ist grundsätzlich auf dem richtigen Weg - deshalb helfen uns auch internationale Institutionen wie Währungsfonds und Europäische Zentralbank.

Was hat zu der Schieflage geführt?

Die Welt da draußen hat sich selbst in große Schwierigkeiten gebracht. Das hat zur Folge, dass höhere Zinsen bezahlt werden müssen und dass es überall an Liquidität fehlt. Besonders werden jetzt Staaten wie Ungarn getroffen, die wachsen, die relativ hoch verschuldet sind und die eine defizitäre Zahlungsbilanz vor sich herschieben. Andererseits denke ich schon, dass die Regierungen in der industriellen Welt das Richtige getan haben, um wieder für Ordnung auf den Märkten zu sorgen. Wenn alle Maßnahmen greifen, wird auch Ungarn davon profitieren.

Seite 1:

„Wir waren zu selbstgefällig“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%