Interview mit Atomexpertem
„Die USA müssen den Iran ernst nehmen“

Der Iran hat sich selbst zur Atommacht erklärt und zudem Urananreicherung in großem Stil angekündigt. Die internationale Staatengemeinschaft ist alarmiert. Auch Nuklearexperten warnen: In nicht allzu langer Zeit könnte Teheran in der Lage sein, Atomwaffen herzustellen. Das Handelsblatt sprach mit Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg über diese Gefahr.

Sind Sie von der Ankündigung aus Teheran überrascht?

Nein, die Erklärung des iranischen Präsidenten ist keine Überraschung. Wir wissen, dass die Anlage in Natanz über 164 Zentrifugen verfügt und wir wussten auch, dass der Iran Uranhexafluorid produziert. Wenn also der Prozess gut funktioniert, dann bekommen sie die Anreicherung hin.

Die Rede ist von einem Anreicherungsgrad von drei Prozent. Für waffenfähiges Material benötigt man mehr.

In der Regel geht man von einem Anreicherungsgrad von etwa 90 Prozent aus, um Waffen produzieren zu können. Dazu benötigt man aber auch eine größere Zahl von Zentrifugen. Mit etwa 1000 Zentrifugen wäre die Herstellung von jährlich zwei bis fünf Nuklearwaffen möglich.

....wenn die Iraner niemand stört...

Ja, dies ist natürlich eine Voraussetzung. Der Nichtverbreitungsvertrag sieht nur die friedliche Nutzung der Nukleartechnologie vor. Teheran kann also nur dann mit der Technik militärisch arbeiten, wenn entweder die Kontrollen durch die IAEO wegfallen, weil zum Beispiel die Inspekteure nicht mehr ins Land gelassen werden. Oder aber der Iran betreibt eine zweite, unentdeckte Forschungsanlage.

Verstößt der Iran mit der Anreicherung gegen den Atomwaffensperrvertrag?

Nein, absolut nicht. Es geht hier um die Frage, was der Iran mit seinem Wissen macht. Die Anreicherung selbst ist noch vom Vertrag gedeckt. Interessant wird nun aber sein, ob Teheran bis zum Ablauf der 30-Tage-Frist, die der Sicherheitsrat gesetzt hat, befriedigende Antworten gibt. Etwa über die Herkunft der Zentrifugen und die Anzeichen, die auf eine militärische Nutzung hinweisen.

Ist nun die Gefahr einer militärischen Eskalation gewachsen?

Ein Militärschlag durch die USA wäre verheerend, weil es die Iraner noch mehr in die Arme der Konservativen treiben würde. Gleichzeitig facht der iranische Präsident mit seiner fatalen Rhetorik die Situation noch an. Und Extremisten gibt es hier sowohl in Teheran wie in Washington – wie etwa die amerikanischen Planspiele über die Anwendung taktischer, also atomarer Waffen gegen den Iran zeigen.

Warum geht der Iran dann so ein hohes Risiko ein?

Weil man sich dort geopolitisch von den USA eingekreist fühlt, die in der Region allgegenwärtig sind. Und weil man sich ungerecht behandelt fühlt angesichts der freien Hand, die man etwa den benachbarten Atomstaaten wie Pakistan und Indien gewährt. So schwer es fallen mag: Diese iranische Bedrohungsanalyse müssen auch die USA ernst nehmen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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