Interview mit Axa-Vorstandschef Henri de Castries
„Egozentrik hilft uns nicht weiter“

Henri de Castries ist einer der wenigen Top-Manager Frankreichs, die Klartext reden. Mit dem Handelsblatt spricht der Axa-Vorstandschef über die Angst seiner Landsleute vor der Globalisierung, die EZB-Attacken der Präsidentschaftskandidaten und die notwendige Reform des öffentlichen Dienstes.

Handelsblatt: Monsieur de Castries, der erste Wahlgang ist vorbei, Zeit für eine Zwischenbilanz: Ist es ein spannender Wahlkampf für Sie?

Henri de Castries: Dieser Wahlkampf bewegt Frankreich wirklich, wie Sie an der hohen Wahlbeteiligung gestern erkennen können. Ein Grund dafür ist der politische Generationswechsel, der nun – wenn auch viel zu spät – endlich kommt. Es ist ein Wahlkampf der neuen Köpfe: Sarkozy und Royal machen zwar seit zwanzig Jahren Politik, doch sie bewerben sich erstmals für das höchste Staatsamt.

Bringt der Wahlkampf auch inhaltlich etwas Neues?

Auf jeden Fall. Manche reden ja jetzt von einer schlechten Qualität der Kampagne, aber das stimmt nicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit streitet Frankreich über die entscheidenden Zukunftsfragen. Besonders wichtig erscheint mir die Debatte über den Wert der Arbeit …

… das Kernthema von Sarkozy, der sich als Kandidat „der Franzosen, die morgens früh aufstehen“, präsentiert ...

… und damit einen überfälligen Schlussstrich unter die Vergangenheit zieht. In den letzten Jahrzehnten ist Arbeit in Frankreich permanent entwertet worden, man hat den Franzosen diesbezüglich eine Menge Unsinn erzählt. Gut ist auch, dass in diesem Wahlkampf viel über Bildungs-, Forschungs- und Umweltpolitik gesprochen worden ist.

Haben Sie Themen vermisst?

Sicher war nicht alles perfekt. Leider versucht kein Kandidat in ausreichendem Maße, den Franzosen die Vorteile der Globalisierung zu erklären. Frankreichs Politiker blicken leider immer noch sehr einseitig und defensiv auf die Weltwirtschaft.

Wie kommt es, dass die Wirtschaft die Globalisierung erfolgreich annimmt, die Politik aber immer noch versucht, sich dagegen abzuschotten?

Weil dieses Land ein riesiges Problem mit seiner ökonomischen Kultur hat. Die Franzosen wissen viel zu wenig über Wirtschaft, nicht nur die einfachen Leute, sondern auch das Bildungsbürgertum inklusive der politischen Klasse.

Woran liegt das?

Die historische Ursache ist, dass Frankreich früher ein militärischer Zentralstaat war. Wir haben keine Tradition als Handelsnation wie England, Holland oder Italien. Das erklärt den übertriebenen Glauben in die Allmacht des Staates und die Angst vor Marktmechanismen.

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