Interview mit Berlusconi-Biograf
„Berlusconi ist größenwahnsinnig“

Silvio Berlusconi glaube seine Lügen selbst und das sei ein starkes Machtinstrument, sagt Alexander Stille über den Premier. Warum ihn die Italiener trotz aller (Sex-) Skandale immer wieder wählen erläuterte der Autor von „Citizen Berlusconi“, einer viel gelobten Biografie, im Interview.
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Herr Stille, die „Süddeutsche Zeitung“ beschrieb kürzlich einen Staatschef als „desperaten Diktator“. Er sei „durchgeknallt, bizarr“ und wecke „voyeuristische Gelüste“. Erkennen Sie ihn?

Silvio Berlusconi? Er könnte es sein. Oder nehmen Sie mich auf den Arm?

Die Rede war von Kim Jong-Il aus Nordkorea.

Oh! Das mit den voyeuristischen Gelüsten stimmt aber exakt überein. Doch ein verzweifelter Diktator ist Berlusconi nicht. Er ist ungewöhnlich als Politiker, weil er sein Leben und seinen Lebensstil anstelle eines politischen Programms anbietet. Frauen, Feste, Villen – davon träumen viele Italiener, und das macht ihn so interessant. Wichtig aber ist, dass er die Kultur des Landes verändert hat, ehe er die Politik veränderte. Er brachte das Privatfernsehen nach Italien, er überschwemmte das Land mit Serien über die Reichen und Berühmten – und glorifizierte den materiellen Erfolg.

„Tutti Frutti“ auf RTL, das war Berlusconi.

Ja, die Sendung hieß im Original „Colpo Grosso“. Sie war Silvio Berlusconis großer Beitrag zur Weltkultur.

Andere Länder haben Sendungen wie diese ganz gut überlebt.

Italien war bis in die 80er Jahre von zwei sehr strengen Kulturen geprägt, der katholischen Kirche und der kommunistischen Partei. Man war prüde und ging vorsichtig mit Geld um. Dann kam die Ideologie des Erfolges auf, mit Ronald Reagan in den USA, mit Maggie Thatcher in England – und Berlusconi hat diese Ideologie nach Italien importiert.

Umberto Eco spricht von einem „schleichenden Staatsstreich“. Wie sehen Sie Italien, seit Berlusconi 1994 erstmals Premierminister wurde?

Er hat ein ganz neues System geschaffen, weder Demokratie noch Diktatur. Es ist eine Art plebiszitäre Demokratie: Ein starker Mann wird gewählt, der sich um Parlament und Staatshaushalt kaum kümmert. Was zunehmend verstörender ist: Er regiert Italien per Dekret. Er darf das nach der Verfassung auch. Wozu noch Debatten im Parlament? Berlusconi sagt, es sei nutzlos, 600 Parlamentarier für die Stimmabgabe zusammenzutrommeln, es genügen die Parteivorsitzenden. De facto meint er: Ich brauche kein Parlament.

Intellektuelle tun sich schwer, einen Begriff dafür zu finden. Massimo Giannini ist Autor der Zeitung „la Repubblica“, er meint: „Berlusconis Ziel ist keine Diktatur im klassischen Sinne, sondern eine moderne Form von post-ideologischem ‚Totalitarismus’.“

Das kommt meiner Meinung recht nah. Berlusconi hat keine Idee von Gesellschaft, keine Vision, das unterscheidet ihn von den Faschisten. Ihm genügt es zu glauben, er sei das brillanteste Hirn des Landes, der kreativste und wunderbarste Kerl, den Italien seit langem hervorgebracht hat.

Ein Leonardo da Vinci fürs neue Jahrtausend.

Da Vinci hätte nie Regent werden können, weil er schwul war.

Berlusconi sagt sogar, er sei der „Jesus Christus der Politik“. Ist der Mann irre?

Er ist größenwahnsinnig. Er hat eine extreme Form des Narzissmus’. Interessant ist: Menschen mit so einem Defekt unterlaufen oft Fehler, denn sie unterschätzen ihre Gegner. Sie glauben, die Welt drehe sich um sie – was nicht der Fall ist. Auch Berlusconi glaubt, dass die Welt sich um ihn dreht, und das Bizarre ist: Sie tut es auch! Er hat das italienische Universum so lange zurechtgebogen, bis es ihn jeden Tag bestätigt. Sobald er dieses Universum verlässt und ins Ausland geht, wirkt er konsterniert: Was zu Hause beklatscht wird, gilt plötzlich als peinlich! Der Narzisst kann das nicht begreifen.

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