Interview mit Burak Çopur: „Das ist Erdogans Harakiri“

Interview mit Burak Çopur
„Das ist Erdogans Harakiri“

Der Konflikt zwischen Türken und Kurden ist so alt wie die Türkei selbst. Ministerpräsident Erdoğan versucht nun die alten Mechanismen aus Hass und Misstrauen zu nutzen, um seine Macht zu festigen. Eine gefährliche Strategie.
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DüsseldorfNach einem Selbstmordanschlag im türkischen Suruc, bei dem 32 Menschen getötet wurden, befindet sich die Türkei im Krieg. Im Visier stehen nicht nur die Terroristen des Islamischen Staates (IS), sondern einmal mehr die Kurden. In dem gewaltsamen Konflikt zwischen der Türkei und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK kamen in den letzten 30 Jahren bislang rund 40.000 Menschen ums Leben. Einerseits will der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan die Kurden im eigenen Land und in Syrien nicht zu stark werden lassen. Andererseits sorgt er sich, der IS könne den Terror auch in die Türkei bringen.Jetzt hat er einen hochexplosiven Zwei-Fronten-Krieg eröffnet“, sagt Burak Çopur, Politikwissenschaftler und Türkei-Experte an der Universität Duisburg-Essen. Und stürze damit sein Land ins Chaos.

Herr Çopur, seit zwei Jahren gab es einen offiziellen Waffenstillstand zwischen der türkischen Regierung und den Kurden. Damit ist es nun vorbei, seit die türkischen Luftwaffe Angriffe auf Lager der PKK fliegt. Warum die plötzliche Kehrtwende von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan?
Es war keine plötzliche Kehrtwende, ganz im Gegenteil. Der Prozess hat bereits vor den Parlamentswahlen im Juni begonnen. Als Erdogan sagte „Es gibt keine Kurden-Frage“. Damit hat er sich ganz klar von einem möglichen Frieden zwischen Türken und Kurden distanziert.

Wie lässt sich dieses Verhalten des türkischen Ministerpräsidenten erklären?
Erdoğan hat klar gemacht, dass er kein repräsentativer Präsident sein möchte, wie sein Vorgänger Gül und alle anderen türkischen Präsidenten es nach Atatürk bisher waren. Vielmehr ist es sein Ziel, ein Präsidialsystem einzuführen ähnlich dem in Russland. Die pro-kurdische HDP hat bei den letzten Wahlen rund 13 Prozent der Stimmen bekommen, soviel wie noch nie, und hat damit viel Gewicht im türkischen Parlament. Weil die Kurden nicht hinter Erdogans Plan eines autokratischen Systems stehen, sind sie für ihn ein Problem.

Also will er die HDP schwächen und Neuwahlen erzwingen?
Genau. Wenn er die HDP unter zehn Prozent drücken kann und die nationalistischen Wähler zurückgewinnt, hätte er die 330 Stimmen, die er braucht, um das Verfassungsreferendum für sein Präsidialsystem durchzuführen. Als Erdoğan sich vor einigen Jahren für einen Frieden mit den Kurden aussprach, hat er die Konfrontation mit den Nationalisten in Kauf genommen. Wenn Erdoğan heute bei den Türken wieder eine nationalistische Hysterie auslösen will, kann sein Plan womöglich aufgehen. Krisenzeiten sind Kanzlerzeiten. Der Hass zwischen Türken und der PKK sitzt noch immer tief, auf genau dieser Klaviatur spielt Erdoğan gerade.

Aber warum sollten die 13 Prozent, die für die HDP gestimmt haben, jetzt ihre Meinung ändern?
Weil es auch Kurden gibt, die entweder unentschlossen sind oder tendenziell der AKP nahestehen und diese bei den letzten Wahlen die HDP gewählt haben. Wenn Erdoğan es nun schafft, die HDP für die Konflikte verantwortlich zu machen, dann könnten diese kurdischen Wähler wieder zur AKP wandern. So jedenfalls sein Kalkül, dass aber höchstwahrscheinlich nicht aufgehen wird.

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  • @Herr Giannis Peissinge: Turkey has not been a "Playfield" for all kind of "Geostrategic CrowdThoughts and Fantasms". At the moment, Turkey is merely a country, which is seeking mainly the domestic peace and the security and prosperity for every resident within the legal Turkish borders.

  • @Herr Giannis Peissinge: Turkey has not been a "Playfield" for all kind of "Geostrategic CrowdThoughts and Fantasms". At the moment, Turkey is merely a country, which is seeking mainly the domestic peace and the security and prosperity for every resident within the legal Turkish borders.

  • Vielen Dank Herr Bogan. Auch mir richtig aus der Seele geprochen. Besonders Ihre Ausführungen zu Herrn Özdemir, dem Bundestagsmitglied mit einem "Türkisch anmutenden" Namen. Ich frage mich sehr oft: Obwohl Herr Özdemir offenbar "Ein Türkei(in heutiger Form und Größe)-Hasser ist, warum mischt sich immer wieder und bei jedem Anlass ein ? Er hätte eigentlich eine noch wesentlich größere, gefahrenlose (auch ohne jegliche Verbindlichkeit und Verantwortung) "Spelwiese" für seine "Träumerein und immer wieder aufgewärmten Ideen", vor allem bezüglich "Renewable Energy". Übrigens: Wie viele Menschen in der Türkei, (einschleßlich der poltisch-interessierten), die tagtäglich der "Terrorgefahr" einfach augeliefert sind, kennen einen Herrn C. Özdemir, MB und würden ihn ernst nehmen ?

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