Interview mit Charly McCreevy
„Pendel könnte zu stark ausschlagen“

Der IWF soll mehr Kompetenzen erhalten, um internationalen Krisen vorzubeugen. Das fordert EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy. Im Handelsblatt-Interview spricht er über europäische und amerikanische Standpunkte - und warnt vor zu strengen Auflagen für die Banken.

Herr Kommissar, die Amerikaner haben die Erwartungen an den Weltfinanzgipfel schon gedämpft. Welche Resultate erwarten Sie?

Allein die Tatsache, dass der Gipfel überhaupt stattfindet, ist sehr bedeutend. Dass die Amerikaner die Erwartungen herunterschrauben, überrascht mich nicht wirklich. US-Präsident Bush tritt bald ab, und sein Nachfolger nimmt an dem Gipfel nicht teil. Außerdem haben die Amerikaner generell Bedenken gegen eine strenge Regulierung ihrer Finanzindustrie. Bei diesem Gipfel werden sich die Teilnehmer wohl zunächst auf einige Grundsätze für ihr weiteres Vorgehen verständigen.

Die EU-Regierungschefs wollen dem IWF eine "zentrale Rolle" geben bei der Regulierung und Überwachung der Finanzmärkte. Ein realistisches Ansinnen?

Der britische Premier Brown fordert das schon länger, und die EU ist ihm beim Gipfel vergangene Woche gefolgt. Warum? Weil es einfacher ist, auf eine schon existierende Organisation zurückzugreifen, als eine neue zu gründen.

Kann der IWF wirklich zu einer mächtigen Weltfinanzaufsicht aufsteigen?

Er könnte zur Krisenprävention eingesetzt werden. Wie das in der Praxis funktionieren soll, weiß allerdings noch niemand. Die Verhandlungen darüber werden mit Sicherheit nicht einfach. Es handelt sich ja auch nur um eine Idee, vielleicht kommen bald noch bessere.

Der Chef der Deutschen Bank hat in einem Brief an die G20 vor Überregulierung gewarnt. Teilen Sie seine Sorge?

Ja. Wie immer nach solchen Krisen besteht die große Gefahr, dass das Pendel zu stark in eine Richtung ausschlägt. Dafür gibt es Beispiele. Nehmen Sie den Sarbanes-Oxley-Act ...

? Sie meinen die extreme Verschärfung der Börsenvorschriften an der Wall Street nach dem Bilanzbetrug bei Enron.

Das Sarbanes-Oxley-Gesetz haben viele als überzogen kritisiert. Der Fehler könnte sich jetzt wiederholen. Herr Ackermann hat recht, wenn er vor exzessiven Vorschriften dieser Art warnt. Damit würden wir die drohende Rezession vertiefen und hätten dauerhaft weniger Wirtschaftswachstum.

Könnte das auch dem neuen US-Präsidenten Obama passieren?

Ja, zumal die USA schnell entscheiden. Es hat auch Vorteile, dass die EU-Gesetzgebungsmaschine langsam läuft, dann passieren weniger Fehler.

Die EU streitet schon seit zwei Jahren erfolglos über die europäische Versicherungsaufsicht Solvency II. Was soll daran gut sein?

Wir haben 27 Mitgliedstaaten, und da liegt es in der Natur der Sache, dass es lange dauert, bis man sich einigt.

Setzt sich die französische EU-Ratspräsidentschaft genug ein für Solvency II?

Man muss fair sein mit der französischen Präsidentschaft. Sie arbeitet hart dafür, dass der Kompromiss über Solvency II gelingt. Dennoch schließe ich nicht aus, dass sich die tschechische Präsidentschaft nächstes Jahr noch weiter damit befassen muss. So läuft das eben in der EU, wir sind ja keine Diktatur.

Trotz Finanzkrise stößt auch die geplante europäische Bankenaufsicht auf Widerstände in der EU.

Das ist in der Tat enttäuschend. Wir müssen froh sein, dass im Zuge der Krise keines der ganz großen europäischen Geldinstitute in eine existenzielle Notlage geriet. Es war schon schwierig genug für die Benelux-Staaten und Frankreich, sich auf Rettungspakete für Fortis und Dexia zu einigen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir es mit der Pleite einer größeren Bank zu tun gehabt hätten. Trotzdem mauern sich manche Mitgliedstaaten immer noch in ihren alten Standpunkten ein.

EU-Kommissionspräsident Barroso will nun auch die Hedge- und Private-Equity-Fonds regulieren, Sie haben das bislang abgelehnt. Werden Sie dazu einen Gesetzentwurf vorlegen oder nicht?

Hedge-Fonds haben die Finanzkrise nicht verursacht, darauf habe ich schon öfter hingewiesen. Das Europaparlament hat mich aber nun aufgefordert, in diesem Bereich tätig zu werden. Meine Antwort darauf wird in wenigen Wochen kommen.

Und dann kündigen Sie Richtlinienentwürfe an?

Jetzt nur so viel: Ich halte nichts davon, Hedge-Fonds und Private Equity in einen Topf zu werfen. Man muss zwischen beiden unterscheiden.

Aktiver sind Sie bei der Regulierung von Derivaten. Den Handel damit wollen Sie an die Börse bringen. Mehrere Börsen, darunter die Eurex, haben bereits Interesse an dem Geschäft angemeldet.

Das ist gut. Der Derivate-Handel könnte durchaus an mehreren Börsen laufen. Wettbewerb ist ja wünschenswert. Der Markt sollte regeln, welche Börse sich hier behauptet. Grundsätzlich rechne ich damit, dass der Börsenhandel mit Derivaten Anfang nächsten Jahres anlaufen kann.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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