Interview mit Globalsierungsvordenker
Rajat Gupta: „Indien ist gezwungen zu wachsen“

Der Globalisierungs-Vordenker Rajat Gupta setzte bereits frühzeitig auf das Wachstumspotenzial Indiens. Der Ex-Weltchef der Unternehmensberatung McKinsey sprach mit dem Handelsblatt über den Aufstieg Indiens zur neuen Wirtschaftsmacht.



Handelsblatt:

Der Aufstieg Chinas hat die globale Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert. Die Volksrepublik gilt schon jetzt als die dominierende Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts. Bleibt Indien "Chinas kleiner Bruder"?



Gupta: Indien wird im 21. Jahrhundert eine herausragende Rolle spielen. Die nächsten 20 Jahre werden zwar noch klar von China dominiert werden, doch auf lange Sicht, in 50 Jahren, wird Indien aufgrund von strukturellen und demographischen Vorteilen vorne liegen. Indien ist im Gegensatz zu China und der dort praktizierten Ein-Kind-Politik eine sehr junge und dynamische Gesellschaft. Insgesamt geht es aber nicht um die Frage, ob China oder Indien vorne liegen werden. Beide Länder werden den Verlauf des 21. Jahrhunderts gleichermaßen bestimmen und versuchen, an frühere Zeiten anzuknüpfen, als China und Indien die weltweit führenden Wirtschaftsmächte waren und von den USA noch gar keine Rede war. Europa bleibt stark, wird aber relativ an Bedeutung verlieren.

Welche Auswirkungen hat Indiens Aufstieg für die globale Wirtschaft?

Indien hat in nur 15 Jahren Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Aus einer rückständigen Agrarwirtschaft hat sich eine wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. Die Industrialisierung als Entwicklungsschritt hat Indien übersprungen. In den Boomsektoren Informationstechnologie sowie Pharma und Biotechnologie geben Unternehmen wie Infosys und Wipro global den Takt vor. Aber auch in anderen Sektoren wie der Automobilindustrie und der chemischen Industrie spielen Indiens Unternehmen in der ersten Weltliga. Mit einer wachsenden Mittelschicht von derzeit rund 200 Millionen Menschen ist Indien zudem einer der letzten noch zu erschließenden Konsummärkte.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar stand Indien im Fokus. Indische Unternehmer wie Nandan Nilekani vom Soft-waredienstleister Infosys und Anand G. Mahindra vom Mischkonzern Mahindra & Mahindra traten auf die Weltwirtschaftsbühne. Was unterscheidet Indiens Unternehmer von ihren internationalen und chinesischen Kollegen?

Indien hat wie China historische Erfahrungen mit der freien Marktwirtschaft und in der Vergangenheit Pioniere der Wirtschaft hervorgebracht. Ihre Abschottung von der Weltwirtschaft im vergangenen Jahrhundert beendeten beide Länder jedoch auf ihre jeweilige Art. Chinas Wirtschaft treibt ein starker Staat, Indiens Wirtschaft treiben privates Engagement und Entrepreneure. Chinas Unternehmen spielen deshalb - bei allem Respekt gegenüber ihren Erfolgen - global noch keine große Rolle. Demgegenüber sind Indiens Unternehmen, und zwar insbesondere die Topstars der IT-Szene, international nicht nur konkurrenzfähig, sie setzen international die Standards. Indiens Gründer und Manager konnten sich nicht auf den Staat verlassen, sie mussten sich von Anfang an durchsetzen - national und international.

Bestes Beispiel ist der Inder Lakshmi Mittal, der aus London operiert, in wenigen Jahren einen globalen Konzern aufgebaut hat und jetzt den europäischen Stahlriesen Arcelor übernehmen will. Wird es in naher Zukunft weitere spektakuläre Übernahmeangebote von indischen Firmen geben?

Ja, auf jeden Fall. Allen voran in der Informationstechnologie. Indische Unternehmen wie Infosys, TCS und Wipro konkurrieren global mit Weltmarktführern wie IBM und Accenture. Aber auch im Outsourcing ist Potenzial vorhanden. Ebenso in der Automobilindustrie und der chemischen Industrie. Global Player aus Indien gibt es aber auch in Sektoren, in denen man sie nicht suchen würde. Reliance zum Beispiel ist als Energiekonzern global aktiv und erfolgreich. Viele Topstars der indischen Wirtschaft haben bereits international zugeschlagen. Die Tata-Gruppe zum Beispiel erwarb in kurzer Zeit unter anderem den internationalen Telekomanbieter Teleglobe, den spanischen Bushersteller Hispano Carrocera und Singapurs Stahlkonzern Natsteel. Die Übernahme der deutschen Trevira GmbH machte einen anderen indischen Mischkonzern, Reliance, auf einen Schlag zum Weltmarktführer bei Polyester.

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