Interview mit Heinrich von Pierer
„Mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht man in China wenig“

In der kommenden Woche bricht Angela Merkel zu ihrer ersten China-Reise auf. Siemens-Aufsichtsratchef Heinrich von Pierer fordert von der Bundeskanzlerin, während des Besuchs in Peking auf einen schärferes Vorgehen gegen Produktpiraterie zu dringen. Gleichzeitig mahnt er Fingerspitzengefühl bei den Gesprächen an.

Was sind Ihre Erwartungen an den China-Besuch der Kanzlerin?

Ich finde es gut, dass die Bundeskanzlerin die Tradition ihrer Vorgänger aufnimmt. Helmut Kohl war ja der erste politische Türöffner in China Mitte 90er Jahre gewesen. Dann hatte sich Gerhard Schröder ebenfalls sehr intensiv um das Land gekümmert. Und dass nun die Bundeskanzlerin zu ihrer ersten Reise nach China fährt, freut mich sehr. Gerade in China ist es wichtig, dass unsere Regierung Flagge zeigt. Und die große Beteiligung der Wirtschaft an der Reise macht ja deutlich: Unsere Interesse ist riesengroß.

Welche Themen sollte die Kanzlerin in Peking auf jeden Fall ansprechen?

Ein Thema wird sicher das riesige und wachsende Handelsbilanzdefizit des Westens gegenüber China sein. Das ist eben längst nicht mehr nur ein Problem der USA, sondern inzwischen auch Europas. Allein das deutsche Defizit im China-Handel lag im vergangenen Jahr bei über 18. Mrd. Euro. Dabei spielt der weiter aufgewertete Euro sicher eine Rolle. Die Chinesen haben zwar den Yuan faktisch bereits ein Stück abgewertet. Aber der Yuan ist überwiegend an den Dollar geknüpft, was europäische Exporte verteuert und sich zu unseren ungunsten auswirkt. Das muss man ansprechen.

Was sollte Peking denn tun?

Ich wäre dafür, den Währungskorb für den Yuan zu verändern und den Euro stärker zu gewichten. Das würde auch den Handelsströmen entsprechen. Und das wäre eine realistischere Währungspolitik. Die Chinesen in eine Ecke zu stellen, bringt aber gar nichts.

Wie ernst ist das Problem der Produktpiraterie?

Das Thema beschäftigt in der Tat viele, vor allem im Mittelstand, aber auch Konzerne. China verfügt ja bereits über entsprechende Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums. Entscheidend sind Anwendung und Praxis. Wir haben vorgeschlagen, dieses Thema im Rahmen des Rechtsstaatsdialogs anzusprechen und Hilfe anzubieten. Ein weiterer Punkt betrifft den Technologietransfer. Häufig wird von deutschen Firmen verlangt, etwa beim Bau von Anlagen chinesischen Instituten detaillierte Planungen und Zeichnungen offen zu legen. Das ist ein kritischer Punkt.

Teilweise wird kritisiert, China spiele bei Reformen auf diesem Feld bewusst auf Zeit.

Den Eindruck habe ich nicht. Ich glaube, China ist sehr interessiert an einer hohen internationalen Reputation. Das stärkste Momentum für verbesserten Schutz geistigen Eigentums ist übrigens, dass immer mehr chinesische Firmen eigenes Know how hervorbringen. Damit steigt ihr Selbstinteresse an wirksamem Schutz. Dafür bedarf es z.B. eines funktionierenden Patentwesens. Am besten wären wir beraten, zwar die krassesten Fälle von Diebstahl geistigen Eigentums zu benennen, aber ansonsten Hilfe beim Aufbau einer funktionierenden Verwaltung anzubieten.

Also sind Sie gegen einen härteren Kurs gegenüber Peking?

Mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht man in der Regel wenig. Das Wort Dialog ist sehr wichtig. Man muss etwa die Frage nach dem Beitritt Chinas zum sogenannten „government procurement agreement“ der WTO stellen. Da haben sich die Chinesen noch nicht festgelegt. Das würde den Umgang mit staatlichen Vorgaben wie etwa einem 70 Prozent-Anteil nationaler Lieferungen bei öffentlichen Großprojekten erleichtern und verändern.

Sind Sie denn zufrieden mit der bilateralen Zusammenarbeit?

Beim Blick nach vorne gibt es immer gute Möglichkeiten für weitere Verbesserungen: Zum Beispiel würde ich mir wünschen, dass Chinesen – sowohl Privatpersonen als auch Firmen – Mitglied der Auslandshandelskammern (AHK) werden können. Immerhin gibt es mittlerweile 2000 deutsche Firmen, die in China produzieren. In anderen Ländern hat die beiderseitige Mitgliedschaft in den AHK zu einem großem Aufschwung der bilateralen Zusammenarbeit geführt.

Finden Sie auch, dass China lange zu hoch bewertet, Indien dagegen vernachlässigt wurde?

Nein, Indien wurde auch früher bereits wahrgenommen. Nur hängt das heutige verstärkte Interesse an dem Land mit der beeindruckenden Reformpolitik der indischen Regierung zusammen.

Sehen Sie die beiden Länder auch als Antipoden?

Auf keinen Fall sollte man die Investitionen in dem einen Land mit denen im anderen aufrechnen. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass China eine große dynamische Kraft ist, die in gewisser Weise im Zentrum des Interesses steht. Aber darüber darf man nicht nur Indien, sondern auch die Asean-Länder nicht vernachlässigen. Diese sind gerade für Deutschland wichtige Exportländer. Eine eindimensionale Perspektive können sich die Unternehmen gar nicht leisten.

Welche Veränderungen erwartet Sie von einer Kanzlerin Merkel?

Die Bundeskanzlerin hat die Wirtschaftsthemen genauso aufgegriffen wie ihr Vorgänger. Der Stil ist sicher ein anderer. Und nun bin ich erst einmal gespannt, wie der China-Besuch verlaufen wird!

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