Interview mit Jaime Caruana
„Europa braucht Stresstests“

Trotz erster Verbesserungen an den Finanzmärkten sieht Jaime Caruana, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) noch viel Bedarf für Reformen. Die schleppende Bereinigung der Bankbilanzen stellt, so Caruana, ein großes Risiko dar.

Herr Caruana, welche neuen Erkenntnisse zur Finanzkrise hat das Jahrestreffen der Notenbanker gebracht?

Wir wollen weiter Druck machen für eine Reform der Regulierung und Aufsicht im Finanzsektor. Außerdem zeichnet sich ab, dass die Notenbanken sich in den kommenden Monaten verstärkt mit den "Exit-Strategien" aus dem Krisen-Management befassen werden.

Sie hatten zugleich die Gelegenheit, die Fortschritte seit dem G20-Gipfel im April zu beurteilen. Wie weit sind wir vorangekommen?

Auf den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft gibt es erste Anzeichen der Besserung. In Europa schlägt sich das allerdings hauptsächlich in Konjunkturumfragen und noch nicht in harten Daten nieder. Wir haben aber immer daran erinnert, dass die Anpassungen in der Wirtschaft und in den Bilanzen der Finanzinstitute Zeit brauchen. Das gilt insbesondere für den Schuldenabbau (Deleveraging) im Finanzsektor. Ohne eine Sanierung des Finanzsystems kann es jedoch keinen nachhaltigen Aufschwung geben.

Und wie weit sind wir mit der Finanzreform?

In diesem Bereich gibt es deutliche Fortschritte. Allerdings muss man hinzufügen, dass wichtige Probleme wie die Abwicklung von international tätigen, systemrelevanten Großbanken ("too big to fail") noch nicht gelöst sind. Außerdem wird intensiv daran gearbeitet, wie man die pro-zyklische Wirkung bisheriger Regeln und Marktverhaltensweisen vermeiden kann. Ich erwarte aber, dass die einschlägigen normgebenden Ausschüsse bereits auf dem nächsten G20-Gipfel im September in Pittsburgh detaillierte Vorschläge zu den wichtigsten Reformvorhaben vorlegen werden.

Eine Kernaussage des Jahresberichts ist, dass der Finanzsektor schrumpfen muss. Ist eine Erkenntnis aus der Finanzkrise, dass unser Wissen schlicht nicht ausreicht, um ein großes, komplexes Finanzsystem sicher zu steuern?

Wir haben gelernt, dass wir weniger über die Wechselbeziehungen zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft wissen als wir gedacht haben. Das gilt für die Finanzaufsicht, aber auch für die Marktakteure. Das Risikomanagement der Finanzinstitute hielt nicht Schritt mit ihrer Fähigkeit, Risiken einzugehen. Zum Teil lag das an den Modellen, aber die internen Aufsichtsorgane der Banken haben es auch versäumt, im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Nun müssen die Banken ihre Verschuldung abbauen und ihre Geschäftsmodelle ändern.

Was bedeutet das neue Credo "small is beautiful" für die Banken?

Das ist eine schwierige Frage, und daran muss noch gearbeitet werden. Dabei dürfen wir meiner Meinung nach nicht so weit gehen, den Banken Größenbeschränkungen aufzuerlegen. Ich hoffe, das wird nicht nötig sein. Wenn die Anreize in Form höherer Kapitalpolster und geringerer Verschuldungsgrade wirken, müssen wir nicht so weit gehen. Ein Teil der Lösung ist ferner eine international konsistente Rahmenregelung für die Abwicklung großer und komplexer Finanzinstitute.

Bewegen sich die Banken mit ihren neuen Geschäftsmodellen in die richtige Richtung?

Ja, die Finanzinstitute haben sich seit Beginn der Krise erheblich gewandelt. Aber die Belastungen in den Bilanzen erschweren natürlich die Anpassung. Refinanzierung, Eigenkapital, Führungsstrukturen und Vergütungspraxis müssen auf die Geschäftsmodelle abgestimmt werden.

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