Interview mit Jan Krzysztof Bielecki
„Der Westen muss aufwachen“

Jan Krzysztof Bielecki, der Chef der größten polnischen Bank Pekao und ehemaliger Premier, über die Reformmüdigkeit und den neuen Nationalismus in Europa, die deutsch-polnischen Verstimmungen und den lukrativen osteuropäischen Bankenmarkt.

Handelsblatt: Herr Bielecki, im Augenblick hat Polen nicht das beste Ansehen in der EU. Hinzu kommen atmosphärische Störungen zwischen Deutschland und Polen seit dem Amtsantritt von Präsident Kaczynski. Isoliert sich Polen innerhalb der EU?

Bielecki: Unsere deutschen Partner sollten verstehen, dass sich in Polen das Nationalbewusstsein auf natürliche Weise aufgebaut hat. Auf keinen Fall bedeutet das eine Entwicklung hin zum Nationalismus. Dennoch ist so etwas nie völlig frei von Fehltritten. Aber ohne ein starkes Gefühl des eigenen Wertes ist keine europäische Nation in der Lage, mit Erfolg die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen. Deshalb mache ich mir keine Sorgen um die deutsch-polnischen Beziehungen.

Dennoch verstärkt sich der Eindruck, dass Nationalismus und Populismus in Ost- und Zentraleuropa um sich greifen. Was sind die Gründe?

Das stimmt so nicht. Denn populistische Kräfte werden nicht nur in Ost- und Zentraleuropa, sondern auch im Westen stärker. Der heutige Populismus ist eine Folge des Falls des eisernen Vorhangs vor gut 15 Jahren ...

... weil der Umbau der östlichen Ökonomien zu schnell erfolgte?

Es ging schnell, aber nicht zu schnell. Teilweise hatten die Bürger Schwierigkeiten, das Tempo mitzuhalten. Nach den unbestreitbaren Erfolgen war es einfacher, Wahlen durch populistische Versprechungen als durch weitere Veränderungen zu gewinnen.

Welche Rolle spielt dabei die EU?

Vor Aufnahme in die EU waren Disziplin und fortgesetzte Reformen gefragt. Nun ist die Mitgliedschaft in der EU erreicht, die Menschen wollen die Früchte ernten. In Polen setzen die Bürger beispielsweise in den nächsten Jahren sehr auf die Milliarden aus der EU, um eine bessere Infrastruktur aufzubauen.

Haben die Polen die EU nicht bereits wieder satt?

Nein, die Polen sind nicht EU-müde. Klar, das Ziel des Beitritts ist erreicht und eine gewisse Reformmüdigkeit ist nicht zu leugnen, aber es beeinflussten auch viele Korruptionsskandale die Bürger in ihrer Parteienwahl. Sie wollten Saubermänner an der Regierung. Trotz der Müdigkeit halten die Polen an den Reformen fest. Immer noch sind etwa zwei Drittel der Bevölkerung für die EU.

Seite 1:

„Der Westen muss aufwachen“

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%