Interview mit Mao-Übersetzer Rittenberg: „China fehlen moralische Werte“

Sidney Rittenberg lebte rund 35 Jahre in der Volksrepublik China. Als einziger US-Amerikaner, der in die Kommunistische Partei Chinas aufgenommen wurde, erlebte Rittenberg den Partei- und Staatschef hautnah. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht der Amerikaner über Maos Erbe.
  • Das Interview führte Andreas Hoffbauer.

Handelsblatt: Herr Rittenberg, wissen Sie noch, wann Sie Mao das erste Mal getroffen haben?

Rittenberg: Das war an einem Samstagnachmittag 1946, irgendwo im Südwesten Chinas. Ich wurde in einen großen, leeren Tanzsaal geführt ...</</i>p>

Tanzsaal?

Ja, Chinas Führer tanzten gern, auch (der spätere Premier) Zhou Enlai und andere. Mao ließ keinen Tanz aus.

Sie hatten Ende der Vierziger viele Jahre Kontakt zu ihm. Wie war er damals?

Ich habe ihn nie als liebenswerte Person erlebt. Er war immer ein bisschen steif und kühl. Er bewegte sich meist langsam und ein bisschen unbeholfen. Mao sprach auch eher langsam. Dafür hatte er einen großartigen Sinn für Humor.

Und später?

Mitte der 50er-Jahre, da hat sich Mao gewandelt. Er verlor die Fähigkeit zuzuhören. Damals fingen auch die Verfolgungen der Intellektuellen an. Er ist der Arroganz der Macht erlegen und hat sich von ihr korrumpieren lassen. Also genau das trat ein, wovor er früher immer gewarnt hatte.

Was ist von Maos Ideen geblieben?

Vom Maoismus ist nichts übrig geblieben. Die jüngere Generation verehrt ihn heute als Gründer des modernen China, der das Land 1949 vereinigt hat. Aber das ist auch alles. Die meisten jüngeren Menschen wissen nicht viel über ihn und haben keine seiner Schriften gelesen.

Ist es an der Zeit, das Mao-Mausoleum zu schließen?

Die einbalsamierte Leiche ist in der Tat in einem schlechten Zustand. Aber Mao sollte nicht herabgestuft werden. Ich habe ihn mehrfach sagen hören: Ich will nicht zweimal begraben werden. So wie Stalin und andere Führer.

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