Interview mit Markus Tidten
„Die Gefahr eines Atomkriegs ist gering“

Die Bedrohung, die von Nordkorea ausgeht, schätzt Markus Tidten als gering ein. Der Westen müsse dennoch Flagge zeigen, meint der Sicherheitsexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Nur eine "geschlossene Sanktionsfront" könne etwas gegen Pjöngjang ausrichten, sagt er im Interview mit Handelsblatt.com.

Herr Tidten, welche Bedrohung geht von Nordkorea aus?

Markus Tidten: Die neuerliche Serie von Provokationen seitens Nordkoreas hat höchstwahrscheinlich mindestens zwei Ziele: zum einem will das Land Aufmerksamkeit, vor allem seitens der USA. Denn es ist bestrebt seit Jahren mit Washington, sozusagen von Atommacht zu Atommacht auf Augenhöhe zu verhandeln mit dem Ziel verbindliche Nichtangriffs- bzw. Eingriffszusagen von den USA zu bekommen. Zum zweiten mag das ganze auch eine Art Verkaufsveranstaltung sein. Das Land ist zur Sicherung seiner Existenz dringend auf ausländische Devisen angewiesen. Teuer verkaufen kann es eigentlich nur seine Waffen, Waffentechnik, und vielleicht auch Nuklearwaffen, zumindest aber waffentaugliches Spaltmaterial. Die wichtigste Bedrohung ist also die der Proliferation.

Russland hat erste Vorbereitungen für den Fall eines Atomwaffeneinsatzes Nordkoreas getroffen. Wie schätzen Sie die Gefahr eines Atomkrieges in der Region ein?

Gering, denn ein Militärschlag gegen Südkorea oder Japan würde umgehend eine das Regime und sein Land sofort vernichtenden Gegenschlag durch die Hightech-Armeen Südkoreas, der USA und möglicherweise auch Japans bewirken. Das weiß man auch in Pjöngjang. Außerdem bezweifeln Experten die effektive Einsetzbarkeit der so genannten Atomwaffen, was auch immer davon in Nordkorea vorhanden sein mag.

Was sollte der Westen reagieren, reichen härtere Sanktionen aus, um Pjöngjang zu bändigen?

Geschlossenheit ist das Gebot der Stunde! Sanktionen wurden in der Vergangenheit schon vielfach versucht, am schärfsten und konsequentesten durch Japan, allerdings ohne wirklich durchgreifenden Erfolg. Nur eine wirklich geschlossene Sanktionsfront von Peking über Moskau, Tokio und Washington könnte etwas ausrichten. Intelligente Sanktionen, die der Bevölkerung nicht schaden, sind gefragter denn je. Sie dürften vor allem auf die Machthaber in Pjöngjang nicht ohne Wirkung sein.

Welche Rolle spielt China in dem Konflikt: Die Volksrepublik agiert ja seit Jahren als Nordkoreas Schutzmacht. Ist es damit nun vorbei?

Nein. China ist eine klassische Status-quo-Macht, das sich Nordkorea als Pufferstaat erhalten will. Ohne Nordkorea würde sich China unmittelbar den cirka 30.000 amerikanischen Soldaten in Südkorea ausgesetzt sehen. Das wollen weder China noch die USA.

Dr. Markus Tidten forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik zur Sicherheitspolitik in Nordostasien. Ein ausgewiesener Schwerpunkt ist dabei Japans zukünftige politische und sicherheitspolitische Rolle in Nordostasien. Die unabhängige Stiftung berät den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik berät.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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