Interview mit Milton Friedman
„In Europa herrscht Stillstand“

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman über die Freiheit des Individiuums und den wieder wachsenden Einfluss des Staates, die hohe Auslandsverschuldung der USA und marktwirtschafliche Reformen des Bildungssystems.

Handelsblatt: Herr Friedman, Sie sind Vorkämpfer des Wirtschaftsliberalismus und haben Ihr Leben der Freiheit und der Verteidigung des Marktes verschrieben. Wie erfolgreich waren Sie? Haben Sie gewonnen?

Friedman: Wenn wir uns heute auf der Welt umschauen, zeigt sich, dass seit ungefähr 20 Jahren immer mehr Menschen unter relativ freien Umständen leben: In der ehemaligen Sowjetunion, aber auch in China und Indien gab es außergewöhnliche Entwicklungen. Weltweit betrachtet, haben wir viel erreicht. Heute ist niemand mehr für den Sozialismus im buchstäblichen Sinn: dass der Staat Eigentümer eines Unternehmens ist und die Produktionsmittel kontrolliert. Dazu steht heute nur noch Nordkorea. Es ist mittlerweile auch unter den Intellektuellen weitgehend bekannt, dass nur freie Märkte den Weg zum Fortschritt bereiten. Trotzdem haben wir nicht gewonnen, wenn man die schleichende Ausweitung des Staatseinflusses nimmt. Es ist zu einfach, die Rolle des Staates ohne großes Aufsehen auszuweiten. Man greift hier ein bisschen ein, packt da etwas an und macht dort etwas. Damit wächst der Staat nach und nach.

Unbestreitbar wurde in Europa dereguliert, privatisiert und der Staatseinfluss beschnitten.

In Europa herrscht mehr oder weniger Stillstand, es gibt keinen Fortschritt im Grad der Freiheit, wie ihn beispielsweise das Frazer-Institut misst. Wir wissen aber: Je höher der Grad der Freiheit ist, desto höher sind das Durchschnittseinkommen und die Wachstumsraten. Im westlichen Europa herrscht Stagnation, weil die Bürger ihre Regulierungsstaaten nicht abrüsten.

Die USA bleiben also Ihr großes Vorbild?

Keineswegs. In den USA hatten wir vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1980 eine Periode des galoppierenden Sozialismus. Die Regierungsausgaben haben sich mehr als verdoppelt. Als Ronald Reagan 1980 Präsident wurde, stoppte er zwar die Ausdehnung des Staates, aber das führte nicht zu wirklich weniger Staat. Die Regierungsausgaben sind seither ungefähr gleich geblieben. Unsere großen Erfolge haben wir in den Entwicklungsländern erzielt.

Unbestreitbar ist Ihr größter persönlicher Erfolg der weltweite Siegeszug des Monetarismus. Was ist davon geblieben?

Die Leistungen der Zentralbanken haben sich in den letzten 20 Jahren erheblich verbessert. Das hat sich bei den Preisen gezeigt: Die Inflation ist fast überall gesunken, und die Inflationsrate ist wesentlich stabiler. Das hat die Basis für finanzielle Transaktionen deutlich verbessert. Diejenigen, die Geld borgen oder verleihen und Vermögenswerte kaufen oder verkaufen, haben daher viel geringere Sorgen als früher – damals mussten sie ja die Inflation mit einkalkulieren. Diese Verbesserung in der Geldverwaltung hat zu einer qualitativen Verbesserung der Finanzmärkte geführt. Das hat großen Anteil am weltweiten Fortschritt der vergangenen 30 Jahre.

Diese Erfolge der USA relativieren sich aber vor dem Hintergrund der enormen Auslandsverschuldung der USA.

Diese Besorgnis ist fehl am Platze. Was wir hier haben, ist ein statistisches Artefakt – eine statistische Illusion. Vordergründig scheint es, dass die USA auf der Kapitalseite eine sehr hohe Auslandsverschuldung haben. Wenn man jedoch die Einnahmeseite der Gewinn- und Verlustrechnung anschaut, dann gibt es keine Anhaltspunkte für ein Defizit. Die an Ausländer fließenden Erträge aus US-Vermögenswerten entsprechen ungefähr den Erträgen, die Amerikaner aus ihren Anlagen irgendwo in der Welt beziehen. Ich kann hier kein gravierendes Ungleichgewicht sehen.

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