Interview mit Reza Pahlewi
„Die Tage des Regimes in Iran sind gezählt“

Die Protestbewegung im Iran hat soviel Schubkraft entwickelt, dass sie das Regime ins Wanken bringen kann. Diese Meinung vertritt Reza Pahlewi, bis zum Sturz des Schahs von Persien Kronprinz im Iran, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Ich glaube, dass seine Tage gezählt sind“, sagt Pahlewi, der in den USA im Exil lebt.

Erleben wir in diesen Tagen den Beginn einer Revolution im Iran?

Die Dimensionen der Entwicklung, die wir gerade sehen, gehen weit über die Anfechtung eines normalen Wahlprozesses hinaus. Die Menschen sind auf der Straße, um das zu verlangen, was ihnen bislang stets verweigert wurde: Souveränität, Selbstbestimmung und die Freiheit des Wortes. Dinge, die sie unter diesem System nie hatten. Die Möglichkeiten des Volkes waren darauf reduziert, lediglich zwischen vorher bereits ausgewählten Kandidaten wählen zu können. Sie konnten also immer nur das kleinere von zwei Übeln wählen. Wir sind deshalb dem Moment der Wahrheit sehr nahe. Ich glaube, dass das Regime sehr unter Druck steht und seine Tage gezählt sind.

Hat der Protest bereits jene kritische Masse erreicht, die zu Veränderungen führt?

Ich denke schon. Wir haben ja bereits in vielen Ländern einen Prozess des zivilen Ungehorsam erlebt wie wir ihn auch heute in Iran sehen – und das war dann nur das Vorspiel zu einem fundamentalen Wandel. Nehmen Sie die Ukraine, andere osteuropäische Staaten, wo mit Hilfe der Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft dann die Regime stürzten – und Freiheit und Demokratie einkehrte. Die Frage ist allerdings: Ist die Welt bereit, volle Solidarität mit den Menschen zu zeigen? Sind die Regierungen bereit zu sagen, dass sie Verantwortung übernehmen wollen? Es geht nicht darum vorsichtig zu sein, um nicht so zu erscheinen, als würde man für die eine oder andere Seite Partei ergreifen. Es gibt nur eine Seite die man ergreifen kann, das ist die der Menschen. Es geht um deren Recht, gehört zu werden und dass ihre Stimmen auch gezählt werden. Ich glaube nicht, dass das eine Position ist, die irgendeine Regierung beschämen oder verlegen machen muss. Hier geht es um die Solidarität mit Menschen, die auf den Straßen massakriert werden. Und die schauen auf die Welt draußen und hoffen auf Unterstützung.

Gibt es in diesem Moment irgendeinen Hinweis darauf, dass der Oberste Führer des Iran einlenkt?

Die Dinge sind so sehr im Fluss. Mein Bauchgefühl aber sagt mir: Wenn dieses Regime die Entwicklung in eine andere Richtung hätte laufen lassen wollen, dann hätte es das schon vor Tagen tun können. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass nun eine teilweise Neuauszählung von Stimmen stattfinden soll. Denn andererseits werden die Medien ausgesperrt, damit sie nicht zeigen können, wie auf den Straßen das Blut fließt.

Waren die Wahlen gefälscht?

Keine Frage! Das ist ein System, das immer schon vorher festlegt, wer der Gewinner sein wird. Der Oberste Führer wollte von Anfang an, dass Herr Ahmadinedschad die Wahlen gewinnt. Er hat sich nur in der Reaktion der Menschen verkalkuliert. Die Kosten für das Regime, Zugeständnisse zu machen, sind viel größer als die Kosten für den Obersten Führer, bei dem zu bleiben, was er von Beginn an vorhatte. Das ist die Natur des Regimes. Die letzte Lösung ist deshalb eine massive Niederschlagung. Aber wenn das Regime bereit ist so weit zu gehen – und ich halte das für wahrscheinlicher als den umgekehrten Fall – dann ist die Welt gefordert, ihre Stimme zu erheben. Wenn es dazu kommt, dann ist das nicht nur eine menschliche Katastrophe, es wird auch jegliche Hoffnung auf Freiheit in Iran zurückwerfen.

Ist ein System, dessen Elite ihren Führungsanspruch von Gott ableitet, überhaupt reformierbar?

Wenn man eine Alleinherrschaft hat, mit einem Menschen an der Spitze, der behauptet, er sei der Vertreter Gottes auf Erden, der alle Aspekte der Regierung, der Medien, der Sicherheitskräfte kontrolliert, der die Abgeordneten ernennt, die Justiz – dann ist das nichts anderes als eine theokratische Diktatur. In so einem Rahmen kann man nicht auf das System selbst zurückgreifen um den Wandel zu erreichen. Es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass Veränderungen von innen kommen können. Aber: Es hat sich nun eine Chance ergeben: Die Menschen wollen nicht länger warten, sie riskieren ihr Leben. Dieses Momentum muss jetzt beibehalten werden. Wir tun deshalb alles, was in unserer Macht steht, um sie in diesem Kampf zu unterstützen.

Wie stabil ist das Regime jetzt noch?

Es wird immer zerbrechlicher – auch von innen. Ich stehe in Kontakt mit den Sicherheitskräften des Landes, mit Mitgliedern der Revolutionsgarden, den Bassidschi-Milizen. Die warten jetzt ab, um zu sehen, in welche Richtung sich das entwickeln wird. Denken Sie an Boris Jelzin auf dem Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau, den Protest in Belgrad gegen Milosevic, die Unruhen in der Tschechoslowakei: An einem bestimmten Punkt lösen sich die Menschen vom System ab. Dann muss man eine Exit-Strategie für die finden, die das Regime bislang unterstützt haben, damit sie nicht glauben bis zum Ende treu bleiben zu müssen. Man muss deshalb jetzt soweit wie möglich Gewalt vermeiden, damit sie sich sicher fühlen vor der Zukunft und dort auch einen Platz für sich sehen. Schauen Sie sich das Beispiel Südafrika an, das den Weg von Amnestie und nationaler Versöhnung gegangen ist.

Ist Mir-Hossein Mussawi der Richtige, um diesen Wandel zu vollbringen?

Vergessen Sie nicht, dass alle Kandidaten, die zur Wahl standen, vorher geprüft und genehmigt wurden. Deshalb nenne ich das, was im Iran stattfindet, auch nicht eine Wahl, sondern eine Auswahl durch den Obersten Führer selbst. Natürlich sind dann die Kandidaten – wenngleich manche moderater als andere – im Grunde alles Leute mit einer Agenda, die das System als Ganzes auch weiterhin stützt. Aber die Menschen heute revoltieren gegen das System insgesamt, nicht nur gegen den einen oder anderen Kandidaten. Aus taktischen Erwägungen stellen sich die Protestierer jetzt hinter einen Bewerber. Aber das heißt nicht, dass der dann auch der legitime Kandidat der Opposition ist.

Ihr Vater, der letzte Schah von Persien, wurde 1979 aus dem Land vertrieben. Die Revolution wurde damals von vielen begrüßt. Wie populär sind Sie als sein Sohn heute im Iran?

Ich erhalte sehr viel Zustimmung aus Iran und aus dem Ausland – für die Ideen, die ich vertrete. Ich stehe für eine parlamentarische Demokratie, ein säkulares System, in dem wir eine klare Trennung von Staat und Kirche haben, mit einer Verfassung, die auf der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beruht. Ich glaube, dass dies das System ist, das für unser Volk das Beste ist. Jedoch: Wie eine Regierungsform dann am Ende aussehen könnte ist eine Frage, die nur das iranische Volk entscheiden kann. Es wäre deshalb zu früh, darüber zu diskutieren.

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