Interview mit Saeed Leylaz
„Im Iran besteht Gefahr einer Diktatur“

Der iranische Analyst und Universitätsdozenten Saeed Leylaz beurteilt die Situation im Iran als schlimmste innenpolitische Krise seit der Islamischen Revolution von 1979.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Lage im Iran ein?

Wir befinden uns in der größten innenpolitischen Krise seit der Islamischen Revolution von 1979. Das ist eine Weichenstellung für den Iran: Entweder das Land entwickelt sich zu einer religiösen Demokratie oder zu einer Diktatur.

Wie geht es jetzt weiter?

Es sind kritische Tage. Die Gefahr von Ausschreitungen ist ernst.

Was wird die Opposition tun?

Es kann zu weiteren Demonstrationen kommen. Denkbar sind auch Aktionen von politischem Ungehorsam. Der Protest kann sich in vielerlei Form entladen. Wenn sich zum Beispiel die iranische Fußball-Nationalmannschaft nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert, wird sich der Frust mit der politischen Unzufriedenheit mischen. Das werden die Menschen auf der Straße zeigen.

Was ist die Strategie von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi?

Er wird den Weg des geordneten und legalen Protests einschlagen. Er will Blutvergiessen vermeiden.

Wie stark steckt die iranische Wirtschaft im Schlamassel?

Die Inflationsrate kletterte 2008 auf 24 Prozent. Im April 2009 ist sie im Windschatten der globalen Finanzkrise auf 15 Prozent gesunken. Das ist immer noch zweieinhalb mal so hoch wie vor drei Jahren. Das Wirtschafts-Wachstum ist in den vergangenen sechs Monaten auf drei Prozent geschrumpft. Es steht zu befürchten, dass der Staatshaushalt in einem halben Jahr ins Defizit rutscht.

Sehen Sie angesichts von Ahmadinedschads Politik der eisernen Faust überhaupt die Chance auf Bewegung in der Atom-Frage?

Die iranische Regierung wird ihr Atom-Programm beschleunigen. Sie braucht die Konfrontation mit dem Westen, um sich nach innen zu legitimieren. Andererseits ist sie auf Grund der wirtschaftlichen Probleme darauf bedacht, Entlastung bei den Sanktionen zu bekommen. Das eroeffnet zumindest den Spielraum für einen Minimal-Kompromiss.

Das Gespräch führte Michael Backfisch.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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