Interview mit WTO-Chef Pascal Lamy
„Wir brauchen Finanzregeln, die Biss haben“

WTO-Generaldirektor Pascal Lamy warnt vor den Bedrohungen der Krise für den Freihandel und umreißt die Grundzüge einer neuen Finanzordnung. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über seinen Wunschzettel für den nächsten Präsidenten der USA Barack Obama.

Handelsblatt: Herr Lamy, ist die Wahl von Barak Obama zum US-Präsidenten eine gute Nachricht für den Freihandel und den Abschluss der Welthandelsrunde („Doha-Runde“)?

Pascal Lamy: Durch die Wahlen in den USA hat sich die Balance zu Gunsten multilateraler Lösungen in der Handelspolitik verschoben. Das ist eine gute Nachricht für den Freihandel. Die Demokraten haben schon immer multilaterale Abkommen gegenüber bilateralen Handelsverträgen bevorzugt. Außerdem wird sich die soziale Unsicherheit in den USA durch Reformen in der Gesundheits- und Bildungspolitik verringern. Das ist Teil der Obama-Plattform Das sollte helfen, die Kritik am Freihandel zu mindern.

Machen Ihnen die protektionistischen Stimmen im Kongress und auch von Obama Sorge?

In einigen Fällen sind Demokraten mit einer aggressiven Handelspolitik gewählt worden. Das betrifft jedoch bilaterale Handelsabkommen. Multilateralen Abkommen stehen die Demokraten überwiegend positiv gegenüber. Es wäre deshalb zu einfach, zu sagen: Die Republikaner sind für Freihandel und die Demokraten dagegen. Viele führende Demokraten befürworten einen Abschluss der Doha-Runde. Er muss die Welthandelsrunde zum Abschluss bringen – und zwar so schnell wie möglich. Nicht nur, weil die WTO als Versicherung gegen Protektionismus heute einen höheren Stellenwert hat als vor sechs Monaten. Die Handelsgrenzen offen zu halten, trägt dazu bei, den Schaden durch die Weltwirtschaftskrise zu begrenzen.

Inwiefern?

Wir wissen spätestens seit der Asienkrise vor zehn Jahren, dass offene Grenzen die Auswirkungen gemindert und die Krise verkürzt haben. Denken Sie im Gegensatz dazu an die 30er Jahre, als die Herren Smoot und Hawley (zeigt auf das Foto der beiden Kongressabgeordneten in seinem Büro) mit ihren drastischen Zollerhöhungen voller Stolz einen der größten Fehler in der Menschheitsgeschichte begingen.

Inwieweit hat die Finanz- und Wirtschaftskrise auch unter den WTO-Mitgliedern neue protektionistische Stimmungen befördert?

In wirtschaftlichen schweren Zeiten wächst der Wunsch nach Schutz und manchmal führt das zu Protektionismus. Man sucht einen Sündenbock und findet ihn im Ausland. Das war oft so in der Menschheitsgeschichte.

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