Interview
„Peking, nicht der Dalai Lama schürt den Separatismus“

Kelsang Gyaltsen, der Sondergesandter des Dalai Lama, warnt vor neuen Unruhen in Tibet, lobt Chinas Führung aber für ernsthafte Gespräche.

Herr Gyaltsen, zur Zeit gibt nicht mehr viele Informationen aus Tibet. Wie ist die Lage?

Sie macht uns große Sorgen. Tibet ist derzeit total abgeschnitten von der Außenwelt. Wir haben große Probleme, unsere Kontakte nach Tibet aufrecht zu erhalten. Die chinesischen Behörden haben nach den Unruhen alle Ausländer und auch die Nicht-Regierungsorganisationen angewiesen, Tibet zu verlassen. Gleichzeitig wurden viele Handys und Computer beschlagnahmt. Die Festnetz funktioniert zwar noch. Viele Menschen haben aber Angst, sie zu benutzen, weil jeder Kontakt mit dem Ausland verdächtig ist.

Beobachten Sie eine größere Flüchtlingswelle seit den Unruhen im März?

Momentan können wir noch keine Flüchtlingswelle feststellen. Die meisten Tibeter kommen aber ohnehin im Winter. Bis zu den Unruhen kamen jährlich etwa 2000 bis 3000 Flüchtlinge über die Grenze, die meisten unter 30 Jahre alt. Es handelt sich vor allem um drei Gruppen: Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern ins Exil geschickt werden, damit sie auf exiltibetischen Schulen gehen. In vielen ländlichen Gebieten in Tibet gibt es keine Schulen. Zudem wird nur in den Grundschule Unterricht auf chinesisch und tibetisch erlaubt. In weiterführenden Schulen wird dann nur noch chinesisch unterrichtet. Eine weitere Kategorie ist die Gruppe der 16 bis 30jährigen, die gar keine Ausbildung haben. Für diese haben wir eine spezielle Schule im indischen Exil eingerichtet, die eine fünfjährige Ausbildung vorsieht. Auf dem Lehrplan stehen Tibetisch, tibetische Geschichte, Mathematik, Englisch und nun auch Computer. Die dritte und größte Gruppe unter den Flüchtlingen sind aber diejenigen, die eine Ausbildung in den exil-tibetischen Klöstern suchen.

Was erzählen die Flüchtlinge aus China?

Nach unseren jüngsten Informationen sind bei den Unruhen 210 Tibeter umgekommen, mehr als 1000 sind schwer verletzt. Wir fürchten, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt, wenn diese nicht schnell medizinische Hilfe bekommen. Viele wagen sich aber nicht in die Krankenhäuser, aus Angst davor, verhaftet zu werden. Einige werden auch abgewiesen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme in Tibet?

Die chinesischen Behörden haben in den Klöstern, am Arbeitsplatz eine „patriotische Erziehungskampagne“ begonnen. Die Tibeter müssen dabei den Dalai Lama kritisieren und denunzieren. Viele Mönche protestieren dagegen, weshalb es neue Verhaftungen gibt. Zudem wehren sich einige Äbte, wie angeordnet die chinesische Fahne auf Klöstern zu hissen. Die Lage ist also noch sehr angespannt.

Nun gibt es aber gleichzeitig wieder Verhandlungen mit Peking, an denen Sie selbst als einer der zwei Unterhändler teilgenommen haben. Ist das nicht ein Hoffnungszeichen für Entspannung?

Es stimmt, zwei Vertreter des Dalai Lama, darunter ich, haben am 4. Mai in Shenzen mit der chinesischen Seite gesprochen. In der zweiten Juniwoche findet nun die nächste Runde in Peking statt. Unser Ansprechpartner ist dabei die Kommunistische Partei und dort die Hauptabteilung für die Einheitsfront der Partei. Diese Abteilung ist für die Minderheiten und die religiösen Gruppen in China zuständig. Dafür, dass die Verhandlungen unter schwierigen Bedingungen stattfanden, war das Klima sehr, sehr freundlich und geprägt von gegenseitigem Respekt. Dabei hat geholfen, dass wir unsere Gesprächspartner aus früheren Runde seit 2002 gut kennen. Beide Seiten hatten natürlich viel zu kritisieren und beklagen. Die chinesische Seite hat ihre Anschuldigungen gegenüber dem Dalai Lama wiederholt. Wir haben auch unsere Besorgnisse in sehr klarer Sprache mitgeteilt und gefordert, dass die drastische Unterdrückungsmaßnahmen in Tibet beendet werden müssen.

Gab es denn irgendwelche Fortschritte bei den Gesprächen?

Nicht in der Sache, das hatten wir auch nicht erwartet. Bemerkenswert war aber, wie schnell wir uns darauf verständigt konnten, die Gespräche fortzusetzen. Außerdem ist positiv, dass die chinesischen Medien erstmals über die Gespräche berichtet haben. Und der chinesische Präsident hat die Gespräche zum ersten Mal selbst öffentlich erwähnt und sie begrüßt.

Der Dalai Lama hat sich klar für die Teilnahme an den Olympischen Spiele in Peking ausgesprochen. Aber begrüße Sie auch, dass der Fackellauf wie geplant durch Tibet führt? Noch ist er ja wegen des schweren Erdbebens unterbrochen.

Wir sind besorgt, dass dieser Fackellauf Anlass für neue Unruhen und Verhaftungen führen kann. Deshalb hat auch die chinesische Seite ein Interesse daran, dass sich die Lage in Tibet beruhigt und stabilisiert. Dies ist etwas, wobei wir zusammen arbeiten können, damit es nicht wieder zu Zusammenstößen und Blutvergießen kommt.

Also lehnen Sie den Fackellauf nicht grundsätzlich ab?

Wie gesagt: Falls sich die Situation in Tibet nicht verbessert und die siebte Verhandlungsrunde keine konkreten Fortschritte bringt, dann fürchte ich, dass der Fackellauf zu weiteren Unruhen in Tibet führen kann. Falls es Fortschritte gibt und die chinesische Seite gleichzeitig ihre drastischen Maßnahmen in Tibet selbst lockert, dann kann der Fackellauf durch Tibet stattfinden, ohne dass es zu Schwierigkeiten kommt.

Die chinesische Seite sagt, sie könne sich nicht darauf verlassen, dass der Dalai Lama die Lage in Tibet überhaupt unter Kontrolle hat. Wie groß ist sein Einfluss denn wirklich noch, was sind seine Zusagen Wert?

Das Ansehen des Dalai Lamas in Tibet ist wirklich ungebrochen und ganz gewaltig. Das gilt auch für junge Tibeter, die ihn nie zu Gesicht bekommen haben. Der Grund ist, dass er ein Symbol für die Anliegen des tibetischen Volkes geworden ist. Die meisten Tibeter sind Buddhisten, weshalb ihn die große Mehrheit in seiner religiösen Rolle verehrt. Aber tief im Herzen sind auch fast 99 Prozent der kommunistischen tibetischen Kader auf ihn stolz, weil er Tibet in der Welt verkörpert. Und er das macht dies auf eine Art und Weise, auf die alle Tibeter stolz sein können. Ein Grund für die Unruhen ist doch die konstante Kampagne gegen den Dalai Lama, der Zwang, ihn schmähen und denunzieren zu müssen. Wir haben unseren chinesischen Gesprächspartnern gesagt: Ihr seid es, die mit eurer Politik den Separatismus vorantreibt. Ihr treibt die Tibeter immer weiter fort von der Zentralregierung.

Die chinesische Seite sieht den Dalai Lama als Separatisten, weil sie nicht daran glaubt, dass Sie nur Autonomie wollen. Bei den Verhandlungen hätten Sie noch nie eine schriftliche Zusage gemacht, auf die Unabhängigkeit zu verzichten.

Das stimmt nicht. Entscheidend ist der Streit über den historischen Status Tibets: Peking verlangt vom Dalai Lama, dass er öffentlich erklärt, Tibet sei von jeher ein untrennbarer Teil Chinas gewesen. Wir sehen das anders. Wir haben klipp und klar gesagt, lasst die Geschichte aus dem Spiel. Denn da gibt es die chinesische Version, da gibt es unsere Version, und dann die von unabhängigen Experten. Falls man nun die Geschichte aufrollt, wird unser Problem noch schwerer zu lösen sein. Deshalb lasst die Geschichte beiseite. Was die gegenwärtige und zukünftige Situation angeht, sagen wir ebenso klar: Wir sind bereit, Teil von China zu sein, wenn uns echte Autonomie gewährt wird. Mein Eindruck ist, dass die chinesische Seite uns Separatismus vorwirft, weil wir die historische Version nicht öffentlich anerkennen. Sie fürchten, dass es dann heißen könnte, die Volksarmee habe sich Tibet einverleibt.

Was heißt denn für Sie „echte Autonomie“?

Wir haben den Chinesen klipp und klar gesagt, was wir darunter verstehen. Man muss zwei Listen machen. Auf die linke schreibt man unsere Forderungen. Auf die rechte alle Rechte, die die chinesische Verfassung, die Beschlüsse des nationalen Volkskongresses in Peking und besonders das Weißbuch der Regierung zur Autonomie von Tibet, den Rechten von Minderheiten und des tibetischen Volkes vorsehen. Vergleicht man beide, dann gibt es kaum Unterschiede. Das große Problem ist aber: All diese Rechte stehen in China nur auf dem Papier.

Was heißt das konkret?

Ein Beispiel: Jeder weiß, dass der mächtigste Mann in der autonomen Regierung Tibets der Generalsekretär der Regionalorganisation der Kommunistischen Partei ist. Noch nie hat diese Position aber ein Tibeter eingenommen, obwohl es auch tibetische Kommunisten gibt. Unsere Gesprächspartner in Peking sagen uns, die Kommunistische Partei Chinas kenne eben keine Sonderbehandlung für regionale Minderheiten. Die Partei ermögliche Karrieren allein nach Fähigkeiten, ohne Rücksicht auf die Herkunft. Alle seien gleich. Aber die Realität sieht anders aus.

Fordern Sie für Tibet nicht etwas, was es in ganz China nicht gibt – Selbstbestimmung, am besten noch unter einer eigenen ethnischen Führung?

Das entscheidende Problem ist doch nicht der totalitäre Kommunismus, sondern der Chauvinismus der Han-Chinesen. Es gab und gibt jede Menge tibetischer Kommunisten, von denen sehr viele in Ungnade gefallen. Man bezichtigte viele Angehörige von Minderheiten, sie würden einen „lokalen Nationalismus“ pflegen. Der wurde von Mao ebenso abgelehnt wie der „Han-Chauvinismus“. Nur komisch: Es hat noch nie einen chinesischen Kommunisten gegeben, der wegen „Han-Chauvinismus“ in Ungnade gefallen wäre.

Das Gespräch führte Andreas Rinke.

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