Interview
Washington strebt engere Beziehungen zu Berlin an

Das Handelsblatt spricht mit William R. Timken, dem Botschafter der USA in Berlin über die deutsch-amerikanischen Beziehungen und über die schwermütige Stimmung in Deutschland.

Handelsblatt: Herr Botschafter, Sie sind jetzt seit dem 24. August in Berlin und haben eine ziemlich turbulente Zeit miterlebt. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Timken: Wissen Sie, US-Präsident George Bush hat mich gebeten, hierher zu kommen, um die Beziehungen aufzubauen und zu verstärken. Am meisten hat mich deshalb überrascht, wie stark die deutsch-amerikanischen Beziehungen eigentlich sind. Obwohl ich mich seit 40 Jahren mit Europa beschäftigt habe und die Timken Company Angestellte auch in Deutschland hat, habe ich dem Land nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb hatte ich den Eindruck aus den Medien, dass die Beziehungen ziemlich schlecht seien. Aber dann war ich erstaunt, wie intensiv sie in Wirklichkeit sind, vor allem im Wirtschaftsbereich - und dass sie selbst in den wenigen Jahren des Streits (über den Irak-Krieg) stärker wurden. Amerikanische Unternehmen beschäftigen rund 650 000 Menschen in Deutschland. Bis zum 4. August hatte ich selbst 900 deutsche Angestellte. 7 bis 800 000 Amerikaner werden von deutschen Firmen beschäftigt. Auch der Handel von mehr als 100 Milliarden Dollar zeigt doch, wie eng die Beziehungen sind.

Dazu kommen persönliche Kontakte….

….genau. Rund 70 Millionen Amerikaner haben deutsche Vorfahren. Und nach dem Zweiten Weltkrieg haben mehr als 15 Millionen Amerikaner in Deutschland gelebt, viele als Militärs. Deshalb haben Deutschland und die USA eine einzigartige und spezielle Freundschaft, nicht nur wegen der Vereinigung. Ich habe bisher keinen negativen Kommentar gehört, seit ich hier bin. Und ich verbringe mindestens zwei Tage die Woche außerhalb von Berlin, treffe Menschen aus allen Bereichen. Alle Reaktionen sind sehr positiv. Offensichtlich hat sich etwas verändert, seit der sich der US-Präsident und der Kanzler in Mainz getroffen und betont haben, wie wichtig für unsere Länder und die Welt bessere Beziehungen sind. Tja, und nun steht im Koalitionsvertrag, dass sich die neue Regierung bessere Beziehungen zu den USA wünscht.

Wo sehen Sie den Raum für Verbesserungen?

Im Nachhinein ist offensichtlich, dass es sehr wenig direkten Dialog zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem US-Präsidenten gab. Es hat allerdings immer engen Kontakt zwischen Mitarbeitern in beiden Regierungen gegeben, denken Sie an den deutschen Botschafter Wolfgang Ischinger. Ich denke, es wird künftig einen sehr regelmäßigen Kontakt zwischen Merkel und Bush sowie den Außenministern geben. Kommunikation ist zentral für die Zusammenarbeit von Partnern.

In welchen Felder soll sich denn die stärkere Partnerrolle beweisen?

Die amerikanische Regierung hofft, dass Deutschland wirtschaftlich stärker wird, sich nicht weiter mit internen Problemen beschäftigen muss und somit unfähig oder unwillig ist, auf die größeren Weltprobleme zu schauen. Wir hoffen, dass sich Deutschland etwa intensiver mit den Problemen im Mittleren Osten, dem Balkan, dem Kaukasus und der Stärkung Europas beschäftigt. Die USA wünschen sich wirklich ein stärkeres Europa, das würde die transatlantische Partnerschaft stärken. Und wir hoffen, dass Deutschland dabei eine führende Rolle spielen kann.

Erwarten Sie eine größere Rolle im Irak?

Niemand erwartet, dass Deutschland auf dem militärischen Gebiet etwas tut, was es nicht will. Andererseits leistet Deutschland einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des irakischen Staates. Auch Kanzler Schröder hat sich dem erfolgreichen Demokratieaufbau in Irak verpflichtet und Hilfe bei der Verfassung geleistet. Es wird hoffentlich mehr Handel, Austausch und Entwicklungshilfe geben.

Ermöglicht der Regierungswechsel in Berlin, dass sich die US-Regierung für einen ständigen deutschen Sitz im Uno-Sicherheitsrat erwärmt?

Es klingt so, als ob nur die USA mitreden würden. Die Vereinten Nationen sind fundamental wichtig für die Welt. Andererseits funktionieren die Uno nicht richtig, die Organisation muss sich ändern. Was den Sicherheitsrat angeht: Die USA würden eine Ausweitung des Sicherheitsrates um zwei oder mehr Sitze befürworten. Japan hat unsere offene Unterstützung. Ansonsten zählen Kriterien wie das weltweite Engagement oder Zahlungen an die Uno.

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