Interview
„Wir dürfen uns nicht isolieren“

Edward Lazear, der Wirtschaftsberater von US-Präsident George W. Bush, spricht im Interview mit den Handelsblatt über den wachsenden Protektionismus in den USA, den Zustand der amerikanischen Wirtschaft, die Wirksamkeit von Steuersenkungen und die Vorteile der deutschen Mitbestimmung.

Handelsblatt: Herr Lazear, die US-Wirtschaft wächst kräftig, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Warum sind trotzdem so viele Amerikaner mit der wirtschaftlichen Lage unzufrieden?

Lazear: Ich will mich jetzt nicht über die Presse beschweren, aber Journalisten suchen immer Nachrichten, die sich besser verkaufen lassen. Wenn man sich jedoch zum Beispiel die Daten zum Verbrauchervertrauen anschaut, sind diese Zahlen gut. Es stimmt also nicht, dass die Leute bei allen Umfragen über die wirtschaftliche Lage meckern.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung wirklich?

Entscheidend ist letztlich, wie sich die Menschen verhalten. Das sagt viel darüber aus, was die Leute wirklich denken. Schauen wir uns doch die Indikatoren Konsum und Investitionen an. Die Amerikaner konsumieren in einem Rekordtempo. Einem Tempo, das vielleicht zu hoch ist, wie man an der negativen Sparquote sieht. Normalerweise konsumieren die Verbraucher weniger und sparen mehr, wenn sie unsicher sind, wie es wirtschaftlich weitergeht.

Das Leben auf Pump ist also ein gutes Zeichen?

Sehen Sie sich China an. China hat eine außerordentlich hohe Sparquote. Das ist erstaunlich, weil man eigentlich erwarten würde, dass die Menschen in einer derart schnell wachsenden Wirtschaft Kredite aufnehmen, um ihren Konsum zu finanzieren. Die Chinesen tun genau das Gegenteil. Warum? Weil die Leute unsicher sind über den weiteren wirtschaftlichen und politischen Kurs des Landes. In den USA gibt es ein solches Sparen aus Vorsicht nicht. Die Leute konsumieren wie verrückt. Das zeigt doch, dass sie sehr viel Vertrauen in die Zukunft haben.

Und was tun die Unternehmer in Amerika?

Hier gilt das Gleiche: Wenn Unternehmer kein Vertrauen haben, investieren sie nicht. Die Investitionen in den USA sind aber im letzten Quartal um etwa 14 Prozent gestiegen.

Hat das nicht vor allem etwas mit den niedrigen Zinsen zu tun?

Ja, das bestätigt ja meine These. Wenn sich die Anleger um die Zukunft Sorgen machen, gibt es eine steile Zinskurve auf der Zeitachse. Das bedeutet: Je weiter die Kredite in der Zukunft liegen, desto höher ist der Zins. In den USA ist die Zinskurve aber flach.

Sie sagten, die USA wachsen aus dem Haushaltsdefizit heraus. Kann das Wirtschaftswachstum das Defizit wirklich dauerhaft vermindern?

Wir wissen, dass die Steuereinnahmen in diesem Jahr höher sind als vermutet. Möglicherweise werden wir viel schneller als erwartet das Ziel erreichen, bis 2009 das Defizit zu halbieren. Wenn man sich die Erwartungen der Finanzmärkte für das Defizit in diesem Jahr anschaut, sieht man Quoten von 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist weniger als in den meisten europäischen Ländern, und es liegt auch unter unserem historischen Durchschnittswert.

Das Haushaltsloch ist wirtschaftlich kein Problem?

Ein Defizit bedeutet doch nichts anderes, als außerordentliche Ausgaben über einen längeren Zeitraum hinweg zu finanzieren. Wir haben einen Krieg, wir hatten Wirbelstürme. Die Frage also ist, wie soll man die damit verbundenen Ausgaben finanzieren? Wenn die Finanzmärkte glauben würden, wir nehmen zu viel Kredite auf, würde man wiederum eine steile Zinskurve sehen. Der Markt sagt aber, dass wir das Defizit im Griff haben.

Was machen die USA, wenn die Chinesen nicht mehr ihre Staatsanleihen kaufen und das Defizit finanzieren?

Das Leistungsbilanzdefizit macht uns Sorgen. Unser großes Problem in Amerika ist, dass wir nicht genug sparen, um unsere langfristigen Investitionen zu finanzieren. Schuld daran ist zum Teil unser Steuersystem. Wir bestrafen Konsumzurückhaltung und besteuern Ersparnisse doppelt. Wenn der Kapitalzufluss aus dem Ausland einmal abrupt unterbrochen würde, könnte uns das in Schwierigkeiten bringen.

In Deutschland wundern sich viele, dass die amerikanische Regierung trotz des Krieges im Irak und der hohen Verschuldung massiv die Steuern gesenkt hat. Lässt sich das durchhalten?

Zahlen sagen hier mehr als schöne Worte. Ich bin überzeugt davon, dass die Steuersenkungen das wirtschaftliche Wachstum befördert haben. Dagegen glaube ich nicht, dass man sich den Weg aus den Defiziten mit Steuererhöhungen ebnen kann. Vielmehr zeigen Beispiele überall auf der Welt, dass Regierungen höhere Einnahmen sofort nutzen, um die Ausgaben zu steigern.

In Deutschland sieht man das anders und hat dort gerade beschlossen, die Mehrwertsteuer kräftig zu erhöhen.

Das ist die Entscheidung der deutschen Regierung. Ich würde meinem Präsidenten einen solchen Schritt allerdings nicht empfehlen.

Aus welcher Richtung drohen die größten Gefahren für die amerikanische Wirtschaft?

Vor allem dürfen wir uns nicht isolieren, politisch wie ökonomisch. Unsere Nachbarn werden wachsen, und wir müssen sicherstellen, dass wir offen bleiben für den internationalen Handel und Kapitalverkehr.

Aber die jüngsten Zeichen deuten eher auf eine Abschottung hin.

Genau das ist ein Risiko. Man schaltet den Fernseher ein und hört eine Rhetorik, die isolationistisch ist und danach ruft, die Grenzen dichtzumachen, die Einwanderung zu verbieten, den Zufluss von Kapital aus dem Ausland zu begrenzen und den Handel mit Europa und Asien einzuschränken. Wenn es dazu kommt, könnte das massive Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben.

Woher kommt diese isolationistische Hysterie?

Das kommt von der Furcht vieler Leute um ihren Arbeitsplatz. Wenn Leute ihren Job verlieren, das ist ein echtes Problem – aus welchen Gründen auch immer.

Wie kann man den Betroffenen helfen?

Für die Arbeitslosen geht es vor allem darum, wie schnell sie einen neuen Job finden und wie gut dieser im Vergleich zu ihrem alten Arbeitsplatz bezahlt wird. Ich glaube, je mehr internationalen Handel wir haben, desto dynamischer ist unsere eigene Wirtschaft. Wir dürfen nicht vergessen, dass sieben Prozent unserer Arbeitsplätze direkt vom Export abhängen und dass 45 Millionen Amerikaner bei Firmen arbeiten, die tief in den internationalen Handel integriert sind.

Geht die soziale Schere in den USA nicht immer weiter auseinander?

Diesen Trend beobachten wir bereits seit 25 Jahren. Vielleicht hat er sich zuletzt etwas verlangsamt. Es besteht aber kein Zweifel, dass der Abstand zwischen den Löhnen für hoch qualifizierte und weniger qualifizierte Arbeitnehmer größer geworden ist.

Woran liegt das?

Das liegt zum Teil daran, dass sich die Investitionen in eine bessere Ausbildung heute mehr bezahlt machen. Und das ist gut so. Weniger gut ist, dass die gering qualifizierten Arbeiter keinen Anstieg ihrer Einkommen sehen. Es geht darum, dass wir die Leute am unteren Ende der Einkommensskala in die Lage versetzen, sich besser zu qualifizieren.

Aber ist nicht die Mobilität der sozialen Schichten innerhalb des Bildungssystems sehr gering?

Wir haben uns die Mobilität im internationalen Vergleich angesehen. Die Besten in Europa sind etwa gleichauf mit den USA. Wenn man sich die Armutszahlen bei uns ansieht, stellt man fest, dass bereits nach drei Jahren etwa die Hälfte der Betroffenen die Armutsgruppe verlassen hat. Einwanderung ist das beste Beispiel. Die erste Generation liegt beim Einkommen noch deutlich unter jenen, die hier geboren sind. Ihre Kinder liegen im Durchschnitt jedoch schon darüber.

Wie wird sich ein weiter starker Anstieg der Einwandererzahlen auf die US-Wirtschaft auswirken?

Immigration war schon immer ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft. Es geht nicht um die Einwanderung an sich, sondern darum, ob der Arbeitsmarkt und die Gesellschaft die Zahl der Einwanderer ohne Probleme aufnehmen kann. Bislang ist uns das ganz gut gelungen. Zudem zeigen Studien, dass der Effekt der Einwanderer auf das Lohnniveau in den USA sehr gering ist.

Sie haben in der Vergangenheit das Modell der deutschen Mitbestimmung als sehr erfolgreich gepriesen. Was gefällt Ihnen daran?

Die Mitbestimmung macht die Wirtschaft weniger flexibel, und Deutschland hat die Kosten dafür gespürt. Das Modell hat aber auch Vorteile. Ich habe als Wissenschaftler betont, dass es eine gute Sache ist, wenn Betriebsräte zu guten Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern beitragen. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Kosten dieses Modells in Form von begrenzter Flexibilität und höheren Lohnstückkosten durch die Vorteile mehr als ausgeglichen werden.

Sie würden das also nicht für die USA empfehlen?

Die Menschen neigen dazu, von der führenden Wirtschaft zu lernen. In den 70ern wollten alle wie Deutschland sein. In den 80ern war Japan das große Vorbild. In den 90er waren es dann die USA. Man muss also sehr vorsichtig sein, wem man folgt.

Das Gespräch führten Torsten Riecke und Markus Ziener.

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