Interview zur Lage in Kiew
„Man riecht die Gewalt“

Kyryl Savin war am Montagabend auf dem Maidan. Er berichtet von brennenden Autoreifen, Tränengas und einer „tierischen Angst,“ die um sich greift. Beide Seiten würden aufrüsten. Ein Ende der Gewalt sei nicht absehbar.
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Das Büro von Kyryl Savin der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung liegt 500 Meter vom Maidan entfernt. Am Montagabend hat er dort demonstriert.

Herr Savin, wie haben Sie den Montag in Kiew erlebt?
Ich war im Büro etwa  500 Meter vom Unabhängigkeitsplatz entfernt. Außerhalb des Maidan ist das Leben fast normal. Aber es hängt diese Spannung in der Luft. Alle reden über die Proteste. Ich habe die ganze Zeit die Demonstrationen  per Stream verfolgt. Dann bin ich gegen 19 Uhr zum Maidan gegangen.

Wie war ihr Eindruck?
So was Schreckliches habe ich noch nie gesehen. Man riecht die Gewalt.

Können Sie das beschreiben?
Es brannte alles. Überall auf dem Maidan war schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen. Das gibt so einen beißenden Gestank, der sich mit dem Geruch von Tränengas mischt. Man spürt diese tierische Angst.

Was haben Sie von der Gewalt mitbekommen? 
Ich stand dort mit Tausenden von Demonstranten. Am anderen Ende des Platzes prallten Demonstranten und Polizei aufeinander. Dort sind auch die Schüsse gefallen. 

War die Eskalation absehbar?
Keiner hat damit gerechnet. Als am Montag Demonstranten zum Parlament vorgedrungen sind, hat die  Polizei nicht nur das Parlament verteidigt, sondern selbst aktiv Demonstranten angegriffen. Dadurch ist die Situation eskaliert.

Also ist die Polizei Schuld an der Gewalt?
Es ist nicht so einseitig, dass die Polizisten Teufel und die Demonstranten Engel sind. Es gibt auch Gewalt von Seiten der Demonstranten. Eine Gruppe hat zum Beispiel die Zentrale der Janukowitsch-Partei gestürmt. Die haben Molotowcocktails geworfen und es hat einen Toten gegeben. Dennoch bin ich der Meinung:  Die Polizei hat mit ihrer Reaktion übertrieben.

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„Wir stecken in einer Sackgasse“

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  • Zu spät, die Sache wird ausgefochten, neben Polizei und Geheimdiensten hat jetzt auch die Armee "freie Hand".

    Ob die Armee in Gänze damit einverstanden ist, darf bezweifelt werden, denn es kann angenommen werden, dass Offizieren und Mannschaften z.T. auch auf Seiten der Opposition stehen.

  • Das Szenario in Kiew und der Ukraine erinnert fatal an die Entwicklung in Syrien. Zuerst friedliche Proteste mit dem Ziel der Ablösung einer "autoritären" Regierung, schließlich Eskalation zu gewalttätigen Kämpfen, ausgelöst durch militante Gruppierungen, in Syrien größtenteils sunnitische Islamisten, in der Ukraine Nationalisten, Spaltung des Landes, besetzte Grenzübergänge u.s.w.

    Kann es sich die EU leisten, an ihrer Südostflanke ein Bürgerkriegsscenario in Kauf zu nehmen, wohl kaum, vor allen deshalb keinesfalls,da die Ukraine Transitland für Öl- und Gasleitungen ist.

    Die Krim gehört zu der Ukraine, hier ist die russische Schwarzmeerflotte stationiert, ähnlich wie in Syrien, wo ebenfalls ein russischer Seestützpunkt ist.

    Die europäische Politik kann nur auf Deeskalation ausgerichtet sein, ob die US-Politik das genau so sieht, sei einmal dahingestellt.

  • Janukovic hat den Fehler gemacht den Platz nicht gleich im November zu räumen. Da hätte er sich ein Beispiel an Deutschlannd's "Stuttgart 21" zu nehmen. Da liefen gleich zu Beginn die Wasserwerfer und die Mengen an Polizisten auf.
    Hätten die 3-4 Monate gewartet, dann wäre das hier ebenfalls so eskaliert. Nach ein paar Wochen geht das schon nicht mehr.

    Der nächste Weltkrieg wird nicht mit Bomben von Staaten gegen andere Staaten ausgetragen - sondern mit Steinen und Gewehren von Bürgern gegen Staaten

    Ägypten
    Syrien
    Türkei
    Ukraine
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