Investitionsstandort Russland
Moskau ködert Investoren

Russlands Regierung will sich von etlichen Staatsfirmen trennen. Die Attraktivität des Standortes soll für Investitionen verbessert werden. So sollen auch Ausländer bei Unternehmen erstmals die Kontrolle übernehmen dürfen.
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MOSKAU. Mit einer Charmeoffensive umgarnt Russlands Regierung ausländische Investoren: Das Kabinett um Ministerpräsident Wladimir Putin will sich von Staatsanteilen in Höhe von 50 Mrd. Dollar trennen, die Bedingungen für Investoren merklich verbessern und das Image einer staatskapitalistischen Kommandowirtschaft ablegen, das im Rest der Welt zuweilen vorherrscht.

Am Dienstag machte Putins erster Stellvertreter Igor Schuwalow den Anfang: In einer schnörkeligen Gründerzeitvilla fragte er bei Vertretern ausländischer Konzerne nach, wo im Russlandgeschäft der Schuh drückt. Zur Sprache kamen Rechtsunsicherheit, Korruption, Bürokratie - die üblichen Probleme, mit denen Ausländer in Russland kämpfen.

Und doch - der Ton war neu, sagt einer der Teilnehmer: "Schuwalow hat uns aufgefordert, ihn auch anonym auf Bestechungsversuche oder unberechtigte Steuerforderungen aufmerksam zu machen." Über eine Stunde habe er Vorschläge notiert, wie die Attraktivität Russlands für Investitionen verbessert werden könne. Und obendrein versprach der Vize-Regierungschef, dass auch ausländische Bieter bei der zum Ende des Jahres anrollenden Privatisierungswelle zum Zuge kommen werden.

Hinterher stellte sich Schuwalow fast zwei Stunden ins Kreuzverhör ausländischer Korrespondenten. "Wir scheuen uns nicht, auch Kontrollpakete an Staatsunternehmen zu verkaufen", erklärte er. Dass bisher vor allem Pakete über zehn Prozent der Aktien im Gespräch seien, liege in den "aktuellen Möglichkeiten am Markt" begründet. Selbst für Russlands größtes Kreditinstitut, die derzeit zu 57,6 Prozent im Staatsbesitz befindliche Sberbank, sei die Privatisierung einer Aktienmehrheit nicht ausgeschlossen.

Besonders für ausländische Banken wird Russlands Privatisierungswelle zu einem spannenden Thema - und zwar nicht nur, weil mit den Häusern VTB und Sberbank die mächtigsten Financiers in Osteuropa zum Teil-Verkauf stehen. Sondern auch wegen der zunehmenden Ambitionen, die hinter dem Verkaufsprogramm stecken: Noch im Sommer bezifferte Finanzminister Alexej Kudrin das Privatisierungsvolumen auf gut zehn Mrd. Dollar im Laufe von zwei Jahren. Mittlerweile spricht Putin von 50 Mrd. Dollar, die die Entstaatlichung in fünf Jahren einbringen soll.

Manager hoffen auf Verbesserung des Geschäftsklimas

Zunächst will Russland Staatsanteile an zehn bis 15 "mehr oder weniger interessanten" Konzernen veräußern, sagte Schuwalow am Dienstag. Dazu stünden Anteile an Dutzenden kleinerer Staatsbetriebe zum Verkauf, die über Ausschreibungen in neue Hände kommen sollen. Damit sei aber noch nicht Schluss: "Diese Listen müssen permanent erweitert werden", sagte Schuwalow. Hierfür stünden Teams internationaler und nationale Investmentbanken beratend zur Seite. Auch die Deutsche Bank, heißt es in Branchenkreisen, habe sich um Beratungsverträge beworben.

Ist das die Kehrtwende hin zu besseren Investitionsbedingungen? Teilnehmer des Treffens mit Schuwalow sind vorsichtig optimistisch: "Bei solchen Veranstaltungen gab es in den letzten Jahren Höhen und Tiefen", sagt einer der Manager. "Zurzeit befinden wir uns auf einem Höhenflug, was die Offenheit der Regierung für die Belange ausländischer Investoren betrifft."

Am Montag werden die Vertreter von Konzernen wie Siemens, Renault, BP oder der Deutschen Bank dieselben Themen mit Putin besprechen. Und Putin ist der Macher, der das Investitionsklima mit seinen Entscheidungen definiert. Er muss mit konkreten Schritten Fakten schaffen, damit die Russlandchefs ihren latenten Optimismus in ihre Konzernzentralen tragen können.

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