Irak
Als Omars Traum ausgeträumt war

Mit dem Terror im Irak kam ein Regime der Namenswächter. Wer den falschen Namen trägt, der lebt im Irak in ständiger Gefahr, liquidiert zu werden – je nachdem, wem er in die Hände fällt.

BAGDAD. Im Deutschen muss man oft zu einem Namenswörterbuch zurückgreifen, um herauszufinden, was ein Personenname bedeutet. Im Arabischen ist das ganz anders. Die Vor- und Nachnamen haben noch ihre ursprüngliche Schreibweise und Bedeutung. Ahlam ist ein Mädchenname und heißt „Träume“, und Omar bedeutet „Lebensalter“ und ist nach dem zweiten „recht geleiteten Kalifen“, Omar Bin al-Khattab, benannt, den die Sunniten verehren.

Omar hat seinen „Traum“ an der medizinischen Fakultät der Universität Bagdad kennen gelernt. Beide Herzen schlugen für einander, nicht auf den ersten Blick und auch nicht, weil der Plus- den Negativpol anzieht, sondern ganz einfach, weil sie gleiche Ansichten und Vorstellungen hatten, die den ärmlichen Verhältnissen ihrer Familien entsprangen.

Nach dem Abschluss ihres Staatsexamens legten auch sie den zum letzten Mal 2006 revidierten Eid des Hippokrates ab, heirateten, leisteten ihr dreijähriges Pflichtpraktikum und schworen sich, den Armen und Bedürftigen ihres Wohnviertels zu dienen und nach Allahs Segen statt nach dem Wohlstand dieser Welt zu streben. Also nahmen sie eine Anstellung in einer Poliklinik an, anstatt – wie ihre meisten Kollegen – eine Privatpraxis zu eröffnen, die Gold wert gewesen wäre. Dann kam der Krieg, begleitet vom Jubel der Bevölkerung über den Sturz des totalitären Regimes von Saddam Hussein. Dann kam der Terror über die Bevölkerung – und mit ihm das Regime der Namenswächter.

Auch die Ärzte Omar und Ahlam, die inzwischen Eltern von zwei bildhübschen Kindern geworden waren, hatten sich gefreut, denn nach dem Ende des Krieges würde endlich das Leid der Armen und Bedürftigen ein Ende finden. Auch das Chaos nach den Kriegswirren nahmen sie wie alle Iraker als normal hin. Eines Tages müsste sich doch alles wieder einrenken, denn das irakische Volk hat ja seine Vertreter demokratisch und frei gewählt!

Die Freude der beiden dauerte aber nicht lange. Mit dem schwarzen Mittwoch, dem 22. Februar 2006, als die Grabstätte der schiitischen Imame Ali al-Hadi und Hassan al-Askari in der sunnitischen Stadt Samarra nördlich von Bagdad gesprengt wurde und die berühmte goldene Kuppel dieser Moschee in tausend Stücke zerbarst, nahm alles seinen Anfang.

Schiitische Milizen sprossen daraufhin wie Pilze aus dem Boden und griffen am nächsten Tag mindestens 30 sunnitische Moscheen allein in Bagdad an. Ihnen traten mindestens genauso viele sunnitische Milizen entgegen. Es erhob sich die Welle der Binnenvertriebenen. Sie wuchs neben derjenigen der Auslandsflüchtlinge.

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