Irak
Anschläge bringen die Wirtschaft fast zum Stillstand

Die katastrophale Sicherheitslage im Irak verhindert fast jedes wirtschaftliche Engagement in dem Land. Die deutsche Industrie hält sich zurück. Und auch zur Wiederaufbaumesse im jordanischen Amman kamen deutlich weniger Aussteller.

AMMAN. Die deutschen Exporte waren im vorigen Jahr nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums zwar noch von 273 auf 368,4 Mill. Euro gestiegen. Doch aktuell lasse das Interesse am Irak spürbar nach, berichten westliche Wirtschaftsvertreter auf der Wiederaufbaumesse „Rebuild Iraq 2007“ im jordanischen Amman.

„Wir brauchen kaum neue Aufträge, weil wir die zu liefernden Anlagen wegen der angespannten Sicherheitslage im Irak nicht in Betrieb nehmen können”, sagte der Vertreter eines deutschen Maschinenbauers – mit Blick auf die zahlreichen Entführungen. Auch Friedrich Wagner vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) räumt ein, dass es „im Moment mehr um Kontaktpflege geht. Wir wollen dabei sein, wenn sich die Lage im Irak beruhigt und es dort wieder losgeht.“

Die USA versuchen, das Bild der Lage in rosigen Farben zu zeichnen: Gerade im Norden des Landes sei es relativ ruhig. Doch genau dort, in Erbil, fielen gestern 19 Menschen einem Selbstmordanschlag vor dem Innenministerium zum Opfer. Vier irakische Journalisten wurden in Kirkuk bei einem Anschlag auf ihr Auto umgebracht. US-Vizepräsident Dick Cheney drängte bei einem Überraschungsbesuch in Bagdad gestern die irakische Führung um Premier Nuri el Maliki zu mehr Engagement gegen die eskalierende Gewalt. Die Bundesregierung sagte zu, im nächsten Jahr erneut 350 Soldaten auszubilden – allerdings nicht im Irak, sondern in den Emiraten oder in Deutschland.

Amerikanische und irakische Vertreter fordern von den Investoren mehr Engagement: „Wir haben im Irak sichere Gebiete, nur 20 Prozent unseres Territoriums sind problematisch“, sagte der irakische Industrieminister Fawzi Hariri dem Handelsblatt in Amman. Der Handelsminister des Kurdengebiets im Nordirak, Mohammad Raouf Mohammad, unterstrich „die Sicherheit des Nordens, der bereit ist, Investitionen aufzunehmen.“ Auch US-Vertreter bekräftigten diese Position. So sollten sich ausländische Investoren ein Beispiel am 400 Mill. Dollar teuren Aufbau einer Media-City in Erbil bis 2009 nehmen.

Der gestrige Anschlag in Erbil war allerdings der schlimmste seit zwei Jahren. Im Norden nehmen die Spannungen zu, da die umstrittene Entscheidung über die Eingliederung der multi-ethnischen Ölregionen Kirkuk und Mossul ins Kurdengebiet aussteht.

Grundsätzlich könnte der Irak immense wirtschaftliche Chancen bieten, wirbt Arndt Fritsche vom Berliner Rebuild Iraq Recruitment Program, einer Privatinitiative der deutschen Industrie für ein verstärktes Engagement. „Im Irak erfolgreich zu sein, ist nicht schwer. Deutsche Waren sind dort sehr gefragt. Man muss nur wissen, wie man das Geschäft dort macht“, sagt Fritsche. So müsse man Fachpersonal im Irak finden und in Deutschland ausbilden, aber auf keinen Fall selbst im Irak Geschäft akquirieren wollen.

Allerdings ist die Mehrheit der westlichen Wirtschaftsvertreter deutlich zurückhaltender: So sind zu dieser Wiederaufbaumesse nicht fast 1 100 Aussteller gekommen wie im vorigen Jahr, sondern nur gut 700 – darunter 46 (minus 15 Prozent) Firmen aus Deutschland. Für Verärgerung sorgt zusätzlich, dass Jordanien vielen irakischen Wirtschaftsvertretern die Einreise verwehrt hat. Deshalb mussten viele Iraker unverrichteter Dinge aus Amman abreisen und erwartete Wirtschaftskontakte kamen nicht zustande. Das 5,3 Millionen Einwohner zählende Jordanien klagt über erhebliche ökonomische Schwierigkeiten wegen der dort lebenden 750 000 irakischen Flüchtlinge.

Der Irak wiederum klagt über schleppende Hilfe von außen: „Viele der auf der Geberkonferenz nach Kriegsende in Madrid gemachten Zusagen wurden nicht eingehalten“, sagt Mahmud A. Uthman vom Bagdader Strategic Review Board for Reconstruction of Iraq. Die Folge, so Uthman: „Ein Drittel der Iraker lebt unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 30 und 50 Prozent, viele flüchten und die Lebensqualität ist dramatisch gesunken.“ Ein europäischer Diplomat aus Bagdad ergänzt: „Der Irak ist das einzige Land, wo die Lage viel schlimmer ist, als die Presse schreibt.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%