
BAGDAD. Während der Fahrt versucht Imad Kathem Faraj, nicht aus dem Fenster zu sehen. Wie immer, wenn er mit dem Bus ins Zentrum von Bagdad unterwegs ist. Der Blick prallt gegen Rohbeton, dreieinhalb Meter hoch. Die Mauer begleitet ihn wie eine Bildstörung. Der Himmel darüber: eine blassblaue Fläche, zerschnitten von der monotonen Geometrie der Wohnblocks und den Flugbahnen der Militärhubschrauber.
Etwas später sitzt er mit Rima, seiner Verlobten, an einem Teich unter Eukalyptusbäumen und Palmen mitten im Zoo von Bagdad. Faraj, 32, Jahre alt, gedrungen, kurze Haare, ist vor einem halben Jahr zum ersten Mal wieder mit Rima hierher gekommen. Der Krieg schien endlich beendet. Seither flanieren sie hier, wann immer er pünktlich Feierabend hat. Der Zoo ist ein Zufluchtsort. Für ihn, für seine Verlobte, für Zehntausende Iraker.
Vor gut sechseinhalb Jahren, direkt nach dem Krieg, waren im Zoo fast alle Tiere verhungert, ausgebrochen oder gestohlen. Der Tierpark war einer der ersten Orte, den die Regierung wieder aufgebaut hat. Er liegt unmittelbar an der Grünen Zone, dem befriedeten Bereich der Stadt mit ihren sechs Millionen Einwohnern. Ohne Taschenkontrollen und Leibesvisitationen kommt niemand hinein. Er ist einer der wenigen Plätze in Bagdad, die von den Bomben verschont geblieben sind. Es ist ein Vorzeigeprojekt, es steht für den demokratischen Irak. Beziehungsweise für die ersten demokratischen Ansätze im Irak.
Die sind immer wieder in Gefahr. Das zeigt die Parlamentswahl am gestrigen Sonntag. Die Abstimmung läuft noch keine zwei Stunden, da spricht ein Sprecher des irakischen Militärs bereits von "Menschen, die den Märtyrertod gestorben sind". Er meint jene Iraker, die an die Demokratie im Zweistromland glaubten und dies gestern Morgen mit dem Leben bezahlten. Sie starben bei Anschlägen auf Wahlbüros, Politikertreffs und öffentliche Einrichtungen. 60 Granatenangriffe verzeichneten die Behörden allein auf die als "sicher" geltende Grüne Zone, den Hochsicherheitstrakt Bagdads, in dem sich Westler, Politiker und Behörden verschanzen. 24 Iraker verloren ihr Leben.