Irak ist inzwischen ein Tummelplatz für eine bunte Gruppe Radikaler
Ende im Erdloch

Die Amerikaner fangen Saddam Hussein nahe seiner Heimatstadt Tikrit. Doch die Freude in der irakischen Hauptstadt Bagdad könnte trügerisch sein.

BAGDAD/RIAD. Paul Bremer blieb kurz und knapp und musste Saddam Hussein nicht einmal beim Namen nennen: „Wir haben ihn“, sagte der amerikanische Zivilverwalter nur, bevor im Konferenzsaal des ehemaligen Präsidentenpalastes in Bagdad tosender Jubel ausbrach. Allzu oft war Saddams kurz bevorstehende Verhaftung bereits gemeldet worden, allzu oft schon hatten die Amerikaner angeblich hundertprozentige Hinweise auf den Aufenthaltsort des Diktators erhalten. Doch jetzt stand es fest: Saddam Hussein, das Pik-Ass im Kartenspiel der Flüchtigen, war gefasst. Ausgegraben von US-Spezialisten aus einem Kellerloch in der Nähe von Tikrit.

Eine Stunde zuvor: Im Café gegenüber der Kunsthochschule im Bagdader Stadtteil Wazariyya herrscht Gedränge. Es ist kurz nach halb zwei in der irakischen Hauptstadt. Im Hintergrund läuft das Radio. Plötzlich wird es still: „Eine sehr wichtige Persönlichkeit wurde bei Tikrit festgenommen“, ist aus dem Transistor zu hören. Alle halten den Atem an. Bei Tikrit denkt jeder Iraker unwillkürlich an Saddam Hussein. Er und die wichtigsten Stützen seines Regimes stammen aus der nordirakischen Stadt. Doch es gibt noch keine Bestätigung. „Das kann nicht sein“, sagt ein alter Mann und schüttelt den Kopf. „Saddam ist viel zu schlau.“ Der Student Ahmed widerspricht: „Eine Tages werden sie ihn fangen, ich hoffe, dass dies heute geschieht.“

Viele Iraker wollen nicht mehr abwarten. Auf der Fahrt durch Bagdad sind bereits überall Gewehrsalven zu hören. Zehn Schüsse hintereinander – Freudenfeuer. Andere Menschen wollen erst wissen, was los ist. Der Fahrer eines weißen BMW erkennt die Journalisten im Auto nebenan an ihrem Mikrofon. Durch die Windschutzscheibe zeigt er seine Hände über Kreuz und macht eine fragende Geste. Daumen hoch oder runter? Noch weiß keiner die Antwort.

Doch wenig später wird die Meldung im Radio bestätigt: Saddam Hussein wurde wirklich festgenommen. Der 27-jährige Ayman stößt Freudenschreie aus. Der Wachmann Hisham schnappt seine Kalaschnikow, rennt aufs Dach und schießt in die Luft. Der Kollegin Aymans, Intisad, treten die Tränen in die Augen. „Dies ist der wichtigste Tage in meinem Leben“, sagt Ayman, der Russisch studiert hat und nun bei einer humanitären Organisation arbeitet. Intisad, im dunkelblauen Kostüm und für Gesundheitsfragen zuständig, ringt um Fassung: „Saddam war brutal und hat viel Unrecht getan. Aber er ist ein Symbol für einen unabhängigen Irak. Seine Festnahme ist ein Sieg für die Amerikaner, die unser Land besetzt halten.“

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