Irak
Land ohne Vertrauen

Die im Irak entführte Deutsche Susanne Osthoff setzt sich seit mehr als 15 Jahren für die Menschen im Land ein. Die Geiselnahme zeigt, dass sich die Sicherheitslage vor allem in der Region um Bagdad nicht gebessert hat. Eine Analyse.

BERLIN. Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen im Irak wirft die Entführung der 43-jährigen Susanne Osthoff ein weiteres Schlaglicht auf die Sicherheitslage im Land. „Die allgemeine Situation hat sich zuletzt zwar nicht verschärft“, sagt der Irak-Experte Jochen Hippler von der Universität Duisburg/Essen. „Aber die Geiselnahme macht deutlich, wie anhaltend schlecht sie ist.“

Dabei müssen die Motive einer Entführung im Irak nicht zwangsläufig politisch sein. „In Teilen des Landes haben sich Mafiastrukturen etabliert“, sagt Hippler. Geiselnahmen dienten diesen Gruppen zuallererst für die Geldbeschaffung. Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahren westliche Ausländer weitgehend aus dem Irak zurückgezogen. Einige wenige operieren noch aus dem relativ sicheren kurdischen Norden, der abgeschirmten Bagdader grünen Zone und aus dem stabileren schiitischen Süden. Auch dies erkläre den deutlichen Rückgang auf 79 Entführungen 2005 im Vergleich zu 149 im Vorjahr, errechnete die Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution. Westliche Ausländer, von deren Regierungen oder Angehörigen das meiste Geld erpresst werden kann, lassen sich im Zentrum des Iraks immer seltener finden.

Dennoch gibt es immer wieder Experten, die trotz aller Gefahren das Land bereisen. Eine von ihnen ist Sinje Stoyke, die als Gründerin und Vorsitzende der Organisation „Archäologen für Menschenrechte“ bis vor einem Monat regelmäßig im Irak unterwegs war. Die studierte Islamwissenschaftlerin aus Bochum sucht und dokumentiert Massengräber, um eine spätere Identifikation der Leichen zu ermöglichen. Aus dem sicheren kurdischen Erbil hat sie zahlreiche Fahrten ins Land unternommen, mehrfach auch nach Bagdad. „Man muss jede Auffälligkeit vermeiden“, rät die 35-Jährige. Dass die Sicherheitslage im dritten Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins noch instabil ist, überrascht Sinje Stoyke dabei nicht. „Es herrscht ein permanentes Misstrauen“, sagt sie. „Aber ist das ein Wunder nach den vielen Jahren der Diktatur?“

Gegen dieses Misstrauen ankämpfen müssen vor allem die irakischen Politiker. Organisiert haben diese sich inzwischen weitgehend entlang ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit – der sichersten Basis. So werden auch bei den Parlamentswahlen am 15. Dezember vor allem Parteien kandidieren, die sich klar zur ihrer Volksgruppe bekennen. Für Hippler resultiert diese Entwicklung aus der Tatsache, dass es nach dem Ende der Saddam-Diktatur 2003 keinen tragfähigen politischen Ersatz gab. „Also musste man auf die einzig handlungsfähigen Einheiten zurückgreifen – und das waren die religiösen Gruppen.“ Damit sei im Irak eine Entwicklung losgetreten worden, die es vorher so nicht gab. Hippler erwartet, dass die ethnische Dominanz auch bei den bevorstehenden Wahlen weiter festgeschrieben wird.

Dort, wo die Ethnien fest im Sattel sitzen – die Kurden vornehmlich im Norden, die Schiiten im Süden – überlassen die Besatzungstruppen ihnen weitgehend das Feld – gerade auch, wenn es um Sicherheit geht. Schiiten und Kurden müssen auf die Koalitionstruppen nur noch wenig Rücksicht nehmen. Und diese sind dankbar, diese Aufgabe anderen überlassen zu können. Nur im dicht bevölkerten Zentrum des Landes funktioniert dieses Modell nicht. Warum? Weil die Sunniten dort kein Ordnungsfaktor und uneinig sind.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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