Irak-Tagebuch
Wo Frauen sich wünschen, hässlich zu sein

Die Geschichten klingen für westliche Ohren eigentlich unglaublich: Terroristen entführen Ehemänner und machen sich dadurch die Frauen gefügig – viele schöne Irakerinnen ereilt dieses Schicksal. Am Ende verfluchen sie nicht einmal die Verbrecher, sondern etwas ganz anderes.

BAGDAD. Es sei bemerkt, dass die folgende Geschichte, die in einigen sunnitischen Nachbarländern, aber nicht in den irakischen Zeitungen für Schlagzeilen gesorgt hat und deren Leidtragende aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft stammen, kein Einzelfall ist.

Solch ein Verbrechen wurde schon mehr als einmal in der gleichen Art auch von sogenannten sunnitischen Milizen begangen und beweist ein weiteres Mal, dass die Milizen insgesamt – schiitische wie sunnitische – nichts mit der wahren, reinen Religion des Islams gemein haben.

Der Vater von Mohammed, auf Arabisch „Abu Mohammed“, wurde aus seiner Autowerkstatt gekidnappt. Er stand unter dem nicht bewiesenen Verdacht, mit sunnitischen Milizen zu kooperieren.

Zwei Angehörige von schiitischen Milizen, die ich namentlich nicht zu nennen brauche, da sie und ihr junger Führer, der sie nicht mehr unter Kontrolle hat, in der ganzen Welt berühmt-berüchtigt geworden sind, waren ins Haus von Abu Mohammed gekommen, um seiner Frau, also der Mutter von Mohammed oder „Um Mohammed“, mitzuteilen, dass ihr Mann von ihnen „verhaftet“ worden sei.

Tatsächlich hatte die 35-jährige Mutter von drei Kindern seit zwei Tagen bei Verwandten, Bekannten und selbst in Krankenhäusern wie auch auf Polizeistationen vergeblich nach ihrem Mann gesucht.

Die zwei jungen Männer in Zivil, die zu Um Mohammed gekommen waren, verlangten von ihr, ihnen zu folgen, falls sie ihren Mann lebendig sehen wollte, der einem „offiziellen Verhör“ unterzogen worden sei, wie sie behaupteten.

Um Mohammed ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie ließ ihre drei Kinder bei den Nachbarn und folgte den zwei Männern. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Mann wiederzusehen, und setzte sich in die hintere Sitzreihe der Ente. Ente? Ja, so wird bei uns der PKW, Typ Toyota Limousine, genannt, der ein Markenzeichen der betreffenden Armee, das heißt der schiitischen Miliz, ist, die ich nicht namentlich nennen will.

Nach einer anderthalb Stunden währenden Irrfahrt durch die Hauptstadt Bagdad und vorbei an den an jeder Hauptstraße errichteten Kontrollpunkten bemerkte Um Mohammed, dass sie im Bagdader Ghetto der Sadr City eingetroffen waren. Um Mohammed zitterte am ganzen Körper, denn sie wusste um die Gefährlichkeit dieser Slumgegend und der dort herrschenden schiitischen Milizen.

Während der gesamten Fahrt ließen die beiden Männer kein Wort fallen. Erst beim Eintreffen wiesen sie sie an, auszusteigen und in ein schmutziges verrottetes Haus einzutreten, um dort zu warten.

Es dauerte nicht lange, für Um Mohammed aber war es eine Ewigkeit, bis ein dritter junger Mann eintrat und sie vor die Wahl stellte: „Entweder du schläfst mit mir, oder du siehst deinen Mann nicht mehr!“

Um Mohammed begann, erstickt zu seufzen, und warf sich zu Boden, um die Füße des Mannes zu küssen und um die Freilassung ihres Mannes zu flehen, ohne dass sie sich einer Sünde hingeben müsste.

Bevor er sich umwandte, gab er ihr mit dem Fuß einen Tritt ins Gesicht und erklärte, er werde in einer Viertelstunde zurückkehren, um ihre Antwort zu hören.

In diesen 15 Minuten hasste Um Mohammed das erste Mal sich selbst und ihre Schönheit. Sie wusste genau, wenn sie nicht hübsch gewesen wäre, hätte niemand von ihr das verlangt, was der Mann von ihr wollte. Sie wünschte sich vom ganzen Herzen, hässlich zu sein. Das Leben von Abu Mohammed lag in ihrer eigenen Hand, und sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, wenn sie ihren Mann retten wollte.

Nach genau 15 Minuten trat der Mann wieder ins Zimmer und stellte ihr noch einmal dieselbe Alternative. Sie war gezwungen, auf ihre Ehre zu verzichten. Es waren die körperlich und seelisch qualvollsten zwanzig Minuten in ihrem Leben. Sie fühlte nichts anderes als Schmerz und Ekel, den dringenden Wunsch, sich zu erbrechen. Zu Beginn versuchte sie sich noch zu wehren, erhielt aber einen Schlag ins Gesicht. So blieb ihr nichts anderes übrig, als stumm vor sich hinzuweinen und Allah um Vergebung anzuflehen.

Als er fertig war, verlangte er von ihr, sich wieder anzuziehen. Dieselben zwei Männer fuhren sie nach Hause zurück. Sie konnte ihr Schluchzen nicht in den Griff bekommen. Ihre Tränen flossen wie Bäche über das geschundene Gesicht. Zu ihren drei Kindern konnte sie nicht mehr aufsehen. Sie fühlte sich so schmutzig und elend.

Um Mohammed hatte all diese Erniedrigung ertragen und war sich nicht einmal sicher, ob ihr Mann tatsächlich freigelassen und, wenn ja, ob er überhaupt heil nach Hause kommen würde.

Am Abend desselben Tages kam er doch. An seinem Körper waren noch die frischen Spuren der Folter zu sehen. An seinem Gesicht war aber noch eine andere Qual abzulesen. Sie rannte auf ihn zu, um ihn zu küssen, doch er stieß sie zurück: „Geh weg, du bist unrein! Du bist nicht mehr meine Frau! Man hat mich gezwungen, das anzusehen, was du mit dem Mann getrieben hast. Ich wünschte mir, sie hätten mich getötet, aber diese Erniedrigung halte ich nicht aus“, schrie er.

Am nächsten Morgen nahm Abu Mohammed seine Sachen und fuhr zu seinen Eltern. Nach zwei Tagen klopfte ein Gerichtsdiener an die Tür von Um Mohammed und übergab ihr den Scheidungsbescheid.

Die Wohnung hat Abu Mohammed ihr überlassen. Sie lebt jetzt dort mit ihren drei Kindern ohne Arbeit und Unterhalt. Viele solcher Frauen werden auf diesem Wege entweder zum Betteln oder zur Prostitution gezwungen. Arbeit gibt es ja nicht einmal für Millionen von Männern.

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