Irakische Parteien
Von Wolldecken und kleinen Wohltaten

Ob niedrige oder hohe Ämter und Posten, eine Spende oder ein Bonus oder Decken oder Schuhe: Verlockungen und Anreize für die Mitglieder einer Partei gab es immer und überall. Der Irak macht da keine Ausnahme. Wie irakische Parteien mit ganz praktischen Geschenken neue Kampfgenossen anwerben.

BAGDAD. Formblätter für die Beantragung des Eintritts in irgendeine Partei kann ein jeder Iraker zu symbolischen Preisen an den Zeitungskiosken erwerben, die sich überall unweit der diversen Parteiquartiere befinden, um den Weg abzukürzen und den neuen Kampfgenossen und Patrioten nicht von vornherein zu überanstrengen.

Unser Nachbar ist ein allein stehender älterer Herr, zu dem eine arme Frau aus dem Bagdader Elendsviertel Sadr City zweimal in der Woche kommt, um sein Haus zu reinigen und seine Kleidung zu waschen.

Vor geraumer Zeit begann ihr Mann, sie zu begleiten aus Angst vor einer Entführung, Autobombe beziehungsweise vor einem Mord – alles Dinge, die zum Bagdader Alltag geworden sind. Mein Nachbar, der Hausherr, heißt ihn bei diesen Anlässen willkommen und spricht mit ihm über dieses und jenes, um in seiner Einöde eine Abwechslung zu finden.

Beim ersten Treffen und gegenseitigen Vorstellen fragte der Gastgeber seinen Gast nach dessen Beruf, woraus sich folgendes Gespräch ergab: „Ich bin seit Jahren arbeitslos. Allah der Allmächtige – gedankt sei ihm tausendmal – hat mir aber kürzlich das Tor für das tägliche Brot zur Fülle geöffnet“, erzählte der Gast. „Und wie geschah dies, mein Lieber?“ ermunterte ihn der Gastgeber zum Weiterreden. „Bei Allah dem Gnädigen, ich bin in eine Partei eingetreten.“ „Du, Vetter, in eine Partei? Was für eine Partei denn? Was verstehst du denn von Parteien und Politik?“ „Das ist nicht wichtig, Vetterchen. Wichtig ist, dass die Partei Wolldecken an ihre Mitglieder verteilt. Ich habe schon eine bekommen, und die kommenden Tage werden weitere Wohltaten bringen“, berichtete der Gast.

Diese Geschichte erinnerte mich an einen Vorfall, der sich Mitte der 70er-Jahre ereignet hatte. Damals wurden Bauern-Kooperativen in allen Teilen des Iraks mit dem Ziel der damaligen jungen Baath-Partei gebildet, die Landbevölkerung zu „zivilisieren“ und die Landwirtschaft anzukurbeln, indem die Bauern zur genossenschaftlichen Produktion mobilisiert wurden.

Damals verteilte der Dachverband dieser Kooperativen Schuhe an seine Mitglieder. Zu Beginn lief diese Operation wie am Schnürchen. Doch einmal blieben in einer Landgemeinde diese Schuhe aus. Der Zufall wollte es, dass zur selben Zeit ein Vorstandsmitglied des Dachverbandes in dieser Gemeinde eintraf, um im Rahmen der Kulturpolitik der Partei eine offene Versammlung mit den dortigen Mitgliedern, den einfachen Bauern, unter der Losung „Der Bauer fragt, und der Verantwortliche antwortet“ abzuhalten.

Nachdem dieser Verantwortliche seinen Vortrag über die „großen Errungenschaften“ der Kooperativen dank der „klugen Politik“ der Baath-Partei gehalten hatte, durften die Bauern ihre Fragen stellen.

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