Iran
Ahmadinedschad und die Wutprobe

Ihr alter Präsident ist auch der neue - aber das wollen viele Iraner nicht glauben. Sie glauben an einen Betrug, sie demonstrieren, das Land ist am Rande eines Volksaufstands. "Nieder mit dem Diktator!", rufen die Demonstranten. Sie werden gefilmt, denn der Staat will wissen, mit wem er es zu tun hat.

TEHERAN. Die Ausgelassenheit der Nacht ist umgeschlagen. Es ist alles möglich, als fünf Jugendliche eine brennende Mülltonne die Felestin-Straße hinaufschieben, auch die Katastrophe. Sie schieben die Tonne auf die Polizei zu, die mit Schutzschilden, Schlagstöcken und Pistolen wartet.

Hinter den fünf Jungen haben sich mehrere Hundert Menschen versammelt. "Gebt uns unsere Stimmen zurück!" brüllen sie. "Nieder mit dem Diktator!" Sie werden gefilmt mit Zoomobjektiven, denn der Staat will wissen, mit wem er es zu tun hat.

Zwei Bereitschaftspolizisten preschen aus der Phalanx der Sicherheitskräfte heraus, prügeln mit ihren Schlagstöcken Demonstranten nieder. Der Pulk weicht zurück. Eine Viertelstunde später beginnt alles von vorne.

Sonntagnachmittag in Teheran. Tag zwei nach der Wahl. Es sieht danach aus, als bewege sich Iran am Rande eines Volksaufstandes.

Der alte Präsident ist auch der neue. Mahmud Ahmadinedschad hat die Wahl gewonnen, und das überraschend deutlich: mit fast 63 Prozent der Stimmen. Das ist so deutlich, dass es nicht lange dauert, bis der Verdacht des Wahlbetrugs sich über diese Wahl legt.

Auf vielen großen Plätzen in Teherans Innenstadt steigen seit Samstagnachmittag Rauchwolken auf. Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Zornige Jugendliche zünden mitgebrachte Autoreifen und Mülltonnen an und werfen Molotowcocktails auf Polizisten. Polizisten prügeln auf Demonstranten ein.

Barrikaden brennen, Fahrzeuge gehen in Flammen auf. Es gibt Verletzte, Festnahmen. Die Demonstranten fordern den Rücktritt des Präsidenten und wünschen ihm den Tod. 40 Millionen Menschen haben gewählt, viele bereuen es nun, nach der Wahl. Sie sind der Illusion beraubt, dass sie in einem anderen Land leben könnten, in einem freieren. Und die, die nicht für Ahmadinedschad gestimmt haben, glauben an jene Manipulation, die Herausforderer Mir Hussein Mussawi und andere Oppositionsgruppen Ahmadinedschad vorwerfen.

Beweise gibt es keine. "Das allein ist der Beweis", sagt ein enger Vertrauter Mussawis. "Keiner kann was beweisen, weil keiner bei der Auszählung der Stimmen mit dabei war, obwohl dies rechtlich hätte sein müssen." Irgendwo im Getümmel der Aufgebrachten steht Arash, ein junger Mann mit Irokesenhaarschnitt, Student. Auch ihn interessiert das Demonstrationsverbot nicht, das der Staat verhängt hat. "Wir können an dem Wahlbetrug nicht sofort etwas ändern", sagt er. "Aber jede Revolution beginnt mit ein paar Fünkchen - wir sind diese Fünkchen. Wir haben keine Angst mehr, jetzt nicht mehr." Er war einer von Millionen, die einen Aufbruch witterten.

Der Amtsinhaber und sein Herausforderer haben sich noch kurz vor der Wahl mit bemerkenswerter Offenheit öffentliche Rededuelle geliefert. Das war neu. Drei Wochen vor der Wahl sind jeden Tag Millionen Iraner durch die Straßen gezogen, sie haben die Hauptstadt in eine Riesenparty verwandelt, grün wie die Farbe ihres Spitzenkandidaten Mir Hussein Mussawi. Es war ein Protest gegen die Reglementierungen des Mullah-Staats. Ein neues Gefühl. Und nun soll es wieder vorbei sein, noch ehe es richtig angefangen hat?

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