Iran: Bruderkrieg in Teheran

Iran
Bruderkrieg in Teheran

Kurz vor Irans Präsidentenwahl wachsen die Chancen für direkte Verhandlungen mit den USA. Denn in der politischen Klasse der Kleriker herrscht offener Zwist. Und einer kann die Annäherung an Washington gut gebrauchen.
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BerlinOffener hätten die Grabenkriege in Teherans Elite nicht zur Schau gestellt werden können. Vor dem Rednerpult des Abgeordnetenhauses knallten der radikale Präsident Mahmud Ahmadinedschad und sein Rivale, Parlamentschef Ali Laridschani, heftig aufeinander - verbal, aber weit unter der Gürtellinie. Ahmadinedschad, der die Absetzung seines engen Vertrauten, des Arbeitsministers, verhindern wollte, spielte im Plenarsaal eine Audiodatei ab, die Laridschanis Bruder Fazel massiv der Korruption bezichtigt.

Ali Laridschani hat seinen Posten als Parlamentschef seinem engen Draht zu Ajatollah Ali Chamenei zu verdanken - der als Religions- und Revolutionsführer die Geschicke der Islamischen Republik umfassend bestimmt. Ahmadinedschads Angriff traf also mitten ins Zentrum der Macht.

Und er blieb nicht unbeantwortet: Laridschani beschuldigte umgehend Ahmadinedschads Bruder, Kontakte zu einer der verbotenen Oppositionsparteien zu pflegen - das gilt als Staatsverrat. Und Ahmadinedschad selbst betreibe eine "mafiöse Politik". So heftig war ein Schlagabtausch im Majlis, dem Parlament Irans, noch nie.

Beobachter in Teheran sehen den Gottesstaat damit vor der Präsidentenwahl im Juni, bei der Ahmadinedschad nicht mehr antreten darf, in die offene Konfrontation rutschen. Chamenei werde, so sagen Iran-Experten übereinstimmend, keinen Ahmadinedschad-Vertreter mehr als Präsidenten akzeptieren.

Vielmehr setze der oberste Herrscher auf den Sieg seines Vertrauten Ali Akbar Velayati. Der frühere Außenminister und jetzige Berater Chameneis gilt als Mann des obersten Führers aber vielen daher eben als unwählbar. Und deshalb braucht er einen Trumpf.

Dies könnten ausgerechnet die in München von US-Vizepräsident Joe Biden angebotenen direkten Verhandlungen zwischen Washington und Teheran sein. Irans Außenminister Ali Akbar Salehi sagte auf der Sicherheitskonferenz an eben diesem Sonntag des Bruderkriegs in Teheran zu, Bidens Angebot "genau zu prüfen".

Bekäme damit Velayati als der außenpolitische Berater des Revolutionsführers das Verhandlungsmandat, könnte der 67-Jährige die Sehnsüchte der Perser erfüllen - den Traum von der Annäherung an Amerika. Und könnte so im Juni siegen. Der sieche Chamenei hätte seinen Kandidaten durchgesetzt.  Iran-Experten  halten deshalb allein aus innenpolitischen Motiven in Iran eine Annahme des Gesprächsangebots für sehr wahrscheinlich.

Seit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran im Zuge der Islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs 1979 sind beide Länder verfeindet und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen mehr. Die USA haben seither Sanktionen gegen die schiitisch-islamische Vormacht verhängt und dann immer weiter verschärft. Nun kommt möglicherweise eine Wende.

Außenminister Salehi sagte dem Handelsblatt: "Je schneller wir von der Ehrlichkeit des amerikanischen Gesprächsangebots überzeugt werden, desto schneller kann es gehen." Er verlangte dafür die Einstellung der "Kriegsrhetorik", des Drohens mit immer neuen Sanktionen oder mit einem Militärschlag gegen sein Land seitens Israels und der USA. "Das passt nicht zu ehrlichen Verhandlungsangeboten", so Salehi im Handelsblatt-Interview.

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  • Hat man Hans Blix schon in die geheimen Atombombenfabriken unterhalb deutscher Kraftwerke schauen lassen?

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