Iran
Die Geistlichen – Irans kritische Masse

Erst gingen Jugendliche und Bürgerliche auf Irans Straßen, um gegen ihren Präsidenten aufzubegehren. Dann auch die Arbeiter. Jetzt droht Ahmadinedschad den Rückhalt wichtiger Geistlicher zu verlieren.

TEHERAN. Als er in Jekaterinburg, viele Hundert Kilometer fern der Heimat, dem Russen die Hand schüttelt, mit einem Lächeln, das viel Weiß sehen lässt, will er einfach ein Präsident sein, der einen lange geplanten Termin im Ausland wahrnimmt. Wahl pflichtgemäß abgehakt, alles unter Kontrolle, nun ist er als Staatsmann gefragt, fertig. Doch das ist nur die Oberfläche.

Zu Hause, in seinem Land, beginnt ein Tag, von dem in diesem Moment nicht klar ist, ob er einmal wichtig sein wird, wenn die Geschichte dieser Tage, die Geschichte eines Aufstands der Iraner gegen ihren Präsidenten geschrieben wird. Es könnte ein Tag werden, an dem wichtige Entscheidungen gefallen sind, die das Land verändern. Eine Masse formiert sich auf Teherans Straßen. Es ist eine Stimmung entstanden, die die Luft vibrieren lässt, es scheint, als könne eine Kleinigkeit genügen und es käme zu einer Schlacht zwischen dem Volk und dem Sicherheitsapparat des Staates.

Es sind an diesem Dienstag zwei große Kundgebungen geplant. Ein hochrangiger Politiker verschwindet. Ein paar Geistliche senden nun Signale aus, dass Ahmadinedschad ihre Gefolgschaft verliert. Denn Ahmadinedschad ist zwar am vergangenen Freitag als Präsident wiedergewählt worden, doch der Verdacht, er habe die Wahl zu seinen Gunsten manipuliert, belastet diesen Sieg. Menschen, die wie Hunderttausende andere auf den Straßen demonstrierten, wurden erschossen. Der öffentliche Rundfunk spricht von sieben Toten, nach Angaben der Reformer sind es insgesamt mehr als 20.

Und der, der die Wahl verloren hat, der aber noch nicht aufgegeben hat und der die Hoffnungen der Menschen trägt, weiß das. Mir-Hussein Mussawi hat seine Anhänger gewarnt. Auf seiner Internetseite ruft er dazu auf, nicht zu der von ihm geplanten Großdemonstration zu gehen, die am Nachmittag auf dem Vali-Asr-Platz stattfinden soll. "Ich gehe dort auch nicht hin." Es sehe alles sehr nach einem geplanten Zusammenstoß aus: "Euer Leben hat Vorrang."

Ist es eine Warnung aus reiner Vorsicht, weil auch Ahmadinedschad-Anhänger auf dem Vali-Asr-Platz demonstrieren wollen? Oder fürchtet Mussawi, der unterlegene Präsidentschaftskandidat, eine Falle?

Es sind jetzt nicht mehr nur die Jugendlichen und das städtische Bürgertum, die auf die Straße gehen wie noch in den ersten Tagen nach der Wahl. Jetzt gehen Arbeiter in Arbeitskleidung auf die Straße, die Händler aus dem Basar, die ihre Geschäfte geschlossen haben, schwarz gekleidete Frauen, manche mit dem grünen Tuch der Mussawi-Anhänger, und auch alte Leute, die "Allahu akbar" rufen, Gott ist groß. Es ist das Schlagwort der Revolution von 1979. Damals standen sie auf der anderen Seite.

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