Iran
In der iranischen Geschäftswelt gärt es

Viele Unternehmer in Iran sind unzufrieden mit der Regierungspolitik: In den letzten Jahren hat die Bevölkerung massiv an Kaufkraft verloren. Im letzten Jahr betrug die Inflation rund 24 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei etwa 16 Prozent. Auf die Seite der Opposition wollen sich die Unternehmer jedoch noch nicht schlagen.

DUBAI. Der Händler Mohsen hat in diesen Tagen Zeit, viel Zeit. Der 41-Jährige steht allein in seinem Laden im Großen Basar von Teheran. Im Regal Töpfe, Pfannen, Besteck. "Seit Ende letzten Jahres kaufen die Leute kaum noch, die Inflation frisst alles weg", klagt er. Und wie läuft das Geschäft seit der Präsidentschaftswahl? "Ich bin zwei Tage lang auf die Straße gegangen, um gegen den Betrug an Oppositionsführer Mir-Hossein Mussawi zu protestieren", sagt er. "Aber jetzt bleibe ich hier, es ist zu gefährlich."

Direkt mit Mohsen konnten wir nicht reden, das Handelsblatt ist wie viele andere ausländische Medien auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen, wenn es um die Stimmungslage in Iran geht. Ob sich die Geschäftswelt an einem möglichen Generalstreik gegen das Regime beteiligen würde, ist eine der wichtigsten Fragen derzeit, ein zuverlässiger Gewährsmann hat sich für das Handelsblatt vor Ort umgehört und die Antworten übermittelt. Tatsächlich ist die Enttäuschung über den wirtschaftlichen Niedergang des Landes und die Missachtung des Wählerwillens durch Präsident Mahmud Ahmadinedschad groß - aber auch die Furcht vor Repression.

Reisverkäufer Rezakann ein Lied von der Misere singen. "Iranischen Reis bekomme ich überhaupt nicht mehr los: Der kostet drei Dollar pro Kilo", sagt Reza. "Indischer Reis geht noch einigermaßen, der ist halb so teuer." Wenn er von Ahmadinedschad spricht, verzieht Mohsen das Gesicht. "Er manipuliert die Preise, von meinem Verdienst bleibt fast nichts mehr übrig", mault er. Die Regierung subventioniert bestimmte Lebensmittel-Produkte wie Reis und Oliven.

Beim Teppichhändler Mehdi ist der Umsatz ebenfalls flau. Am Tresen neben der Kasse steht ein Lesegerät für Kreditkarten, es stammt noch aus der Zeit vor den Wirtschafts-Sanktionen gegen Iran. Wenn er von früher erzählt, bekommt Mehdi glänzende Augen. "Unter Präsident Chatami ging es uns wirklich gut", schwärmt er. "Wir haben jede Menge Teppiche an Europäer und Amerikaner verkauft." Chatami hatte sich zwischen 1997 und 2005 um eine vorsichtige Öffnung des Landes bemüht. Doch das ist vorbei. Seit der Wahl am 12. Juni habe sich kein einziger Ausländer bei ihm blicken lassen, so Mehdi.

Viele Händler lassen kein gutes Haar an der Regierungspolitik, die in den letzten Jahren zu einem massiven Verlust an Kaufkraft geführt hat. Die Händler sind eine wichtige Säule der iranischen Privat-Wirtschaft, sie machen etwa 20 bis 30 Prozent aller Unternehmen aus.

Früher verdienten die Geschäftsleute deutlich mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und sie waren eine wichtige politische Größe. Als Ahmadinedschad im Herbst 2008 die Mehrwertsteuer einführen wollte, machten die Basaris für ein paar Tage ihre Läden dicht. Kurz danach kippte die Regierung ihre Steuer-Pläne. Auch 1979 mischten sich die Händler ein. Sie stellten sich geschlossen auf die Seite von Revolutionsführer Ajatollah Chomeini und besiegelten dadurch das Schicksal des Schahs.

Nach Angaben der iranischen Zentralbank betrug die Inflation 2008 rund 24 Prozent. Unabhängige Ökonomen in Teheran schätzen, dass die Rate im April 2009 gegenüber dem Vorjahresmonat auf 16 Prozent gesunken sei. Als Grund nennen sie die abknickende Konjunktur im Zuge der globalen Finanzkrise. Die Preise wurden vor allem durch Ahmadinedschads Politik der sozialen Wohltaten aufgebläht: Erhöhung der Renten, kostenlose Kartoffel-Lieferungen sowie Infrastruktur-Projekte für die verarmte Landbevölkerung. Wirtschafts-Fachleute in Teheran taxieren die Arbeitslosenrate auf 13 bis 16 Prozent. Oft beklagen die Basaris auch die zunehmende internationale Isolierung des Landes, was den Import- und den Exportfluss schwäche.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Regierung hat neue Supermarktketten wie "Refah" oder "Shahrvand" eingeführt, die durch ihre billigeren Angebote zu einer wachsenden Konkurrenz für die Basarhändler werden. Die Firmen sind zwar offiziell in privater Hand. Die Besitzer stehen jedoch häufig den Revolutionsgardisten nahe, einer wichtigen Machtbasis Ahmadinedschads. Der Staat übt somit indirekte Kontrolle aus.

Dennoch sind nicht alle Geschäftsleute auf der Seite von Mussawi. "Wir müssen unser Land gegen die Randalierer schützen", meint der Juwelier Mohammed. Andere wie der Metzger Farhad haben den Glauben an die Politik verloren: "Wer auch immer an die Macht kommt, es sind doch alle korrupt."

Trotz weit verbreiteter Unzufriedenheit bilden die Basaris noch keine einheitliche Front. Nach Ansicht von Experten spielt das Votum der hohen Geistlichen eine große Rolle. "Maßgebliche Ajatollahs debattieren derzeit über die frühe Positionierung des obersten religiösen Führers Ali Chamenei zugunsten von Ahmadinedschad", sagt ein langjähriger Kenner der Region. "Erst wenn die Mullahs klar Stellung beziehen, werden auch die Basaris Farbe bekennen."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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