Iran
Iran: Strippenzieher Rafsandschani unter Druck

Ali Akbar Haschemi Rafsandschani ist für die iranische Opposition eine Schlüsselfigur. Denn der 75-Jährige kann mit dem Expertenrat den religiösen Führer des Landes Ali Chamenei abwählen. Doch bislang vermeidet der Strippenzieher jede öffentliche Festlegung. Sicher ist: Rafsandschani und Mahmud Ahmadinedschad sind sich in gegenseitiger Abneigung verbunden.

DUBAI. Wo ist Ali Akbar Haschemi Rafsandschani? Kaum eine Frage wird derzeit in Teheran häufiger gestellt als die nach dem mächtigen Ajatollah. Der 75-Jährige gilt als einer der reichsten und einflussreichsten Männer in Iran. Sein Privatvermögen wird auf mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt. Darüber hinaus leitet er zwei bedeutende Gremien, den Expertenrat und den Schlichtungsrat.

Insbesondere Rafsandschanis Position im 86 Mitglieder zählenden Expertenrat ist politisch brisant. Rein theoretisch kann die Versammlung den obersten religiösen Führer des Landes, Ali Chamenei, abwählen. Allerdings nur, wenn Chamenei nachweislich grob gegen das islamische Recht verstoßen hat.

Damit ist Rafsandschani für die Oppositionsbewegung eine, wenn nicht gar die entscheidende Schlüsselfigur. Doch bislang vermeidet der Strippenzieher jede öffentliche Festlegung. Die kurzzeitige Verhaftung von fünf Mitgliedern seiner Sippe muss in diesem Zusammenhang vielleicht als Warnung des Regimes gelten, sich rauszuhalten. Unter den fünf Angehörigen, die am Samstag festgenommen worden und zum Teil erst gestern wieder freikamen, ist auch seine Tochter Faeseh Haschemi, die Oppositionsführer Mir-Hossein Mussawi offen unterstützt.

Polit-Experten in Teheran glauben, dass der politisch gemäßigte Rafsandschani derzeit versucht, Allianzen zu schmieden. Er steht im Ruf eines mit allen Wassern gewaschenen Strippenziehers. In der vergangenen Woche war er mehrere Tage in der heiligen Stadt Ghom, dem Sitz der schiitischen Geistlichen. Er habe versucht, eine Mehrheit auf die Seite von Mussawi zu ziehen, heißt es. Danach sprach er mit mehreren Parlamentsabgeordneten. Die Kammer kann Präsident Mahmud Ahmadinedschad in einem Misstrauensvotum absetzen.

Rafsandschani und Ahmadinedschad sind sich in herzlicher Abneigung zugetan. In einer Fernsehdebatte vor der Wahl hatte der Präsident den Ajatollah als "politischen Saboteur" und "Förderer der Korruption" gebrandmarkt und damit ein Tabu gebrochen: Nie zuvor sind hochrangige Vertreter des Regimes derart rabiat angegangen worden. Rafsandschani hingegen verachtet Ahmadinedschad als ideologisch polternden Emporkömmling, der das Land wirtschaftlich ins Chaos und politisch in die Isolation getrieben habe.

Rafsandschani ist eine der wenigen, die sich seit der islamischen Revolution 1979 an der Spitze gehalten haben. Er war von 1989 bis 1997 Präsident und verfolgte eine pragmatische Wirtschaftspolitik sowie einen Kurs für mehr Marktwirtschaft. In der Außenpolitik wollte er den Iran behutsam gegenüber den USA öffnen. Ali Chamenei ist dieser sanfte Modernisierungskurs ein Dorn im Auge.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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