Iran-Krise
Iran kontrolliert Web-Inhalte mit Westtechnik

Die Unruhen in Iran werfen ein Schlaglicht auf die Zensur im Internet. Das iranische Regime kontrolliert offenbar Inhalte, die im Web verschickt werden und behindert den Zugriff auf unliebsame Websites. Es bedient sich dabei wetslicher Technik.

DÜSSELDORF. Am Tag nach der Wahl vor knapp zwei Wochen kam die Datenübertragung nahezu zum Stillstand. Experten werten dies als mögliches Zeichen dafür, dass die Regierung in dem Moment eine Filter- und Überwachungs-Software installiert hat. Mobilfunk und Festnetz sind in Iran in Staatshand.

Das „Wall Street Journal“ zitiert Technikexperten in Iran sowie außerhalb der Landesgrenzen, die berichten, die Eingriffe des Regimes gingen weit über das einfache Sperren von Internetseiten hinaus. Die Regierung sammele auch Informationen über Privatpersonen und manipuliere Nachrichten.

Möglich wird das durch die sogenannte „Deep Packet Inspection“ – eine Technik, um E-Mails oder Chat-Mitteilungen mitzulesen, nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen und zu verändern. Andere Experten bezweifeln allerdings, dass Iran Informationen fälscht. „Technisch ist das möglich“, sagt Bill Nagel, Sicherheitsexperte beim Marktforscher Forrester. „Aber es wäre sehr arbeitsintensiv und müsste in Sekundenschnelle passieren.“

Seinen Ursprung hat das Filtersystem in westlichen Nationen: Britische und amerikanische Telefonanbieter experimentierten vor Jahren damit, um Werbung anhand von Schlüsselwörtern zu verkaufen. Erst massiver öffentlicher Druck brachte sie dazu, dies wieder einzustellen.

Auch in Iran ist nun ein westliches Unternehmen ins Kreuzfeuer geraten: Der Netzausrüster Nokia Siemens Networks hat das Mobilfunknetz in Iran gebaut und dazu ein Überwachungssystem geliefert. Auf seiner Website preist das Unternehmen dieses System als „ideal für die Überwachung aller Arten der Kommunikation“. Ein Sprecher betont jedoch, dass man in Iran keine Technik für die Kontrolle von Webinhalten geliefert habe, sondern nur zum Mithören von Telefonaten. „Die iranischen Gesetze schreiben vor, dass ein Netz über eine solche Möglichkeit verfügen muss“, erklärt der Sprecher.

Selbst in Deutschland ist das vorgesehen: Telekomanbieter können zur Strafverfolgung Gespräche mithören und im Mobilfunk den Standort des Anrufers ermitteln. Auch in Sachen Websperren ist Deutschland aktiv: Zum Schutz vor kinderpornografischen Seiten wird mit Hochdruck ein sogenanntes „Zugangserschwerungsgesetz“ eingeführt, das noch 2009 in Kraft treten soll. Es soll diese Art Seiten sperren und auch die Internet-Daten jener Nutzer festhalten, die versucht haben, darauf zuzugreifen. Kritiker warnen, dass diese Überwachungstechnik auch für andere Zwecke genutzt werden kann. „Unsere Politiker kritisieren gerne andere Staaten, aber dann machen sie hier genau dasselbe“, sagt Markus Beckedahl, Aktivist für digitale Freiheiten und einer der prominentesten deutschen Blogger.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid
Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
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