Iran
Mullah AG gegen Mullah AG

Der Iran erlebt einen „schleichenden Putsch“. Die Revolutionsgarden von Präsident Achmadinedschad verdrängen die Kleriker von der Macht. Große Teile von Irans Wirtschaft kontrollieren die Paramilitärs bereits. Am Freitag bei den Wahlen wollen sie ihre Macht endlich auch politisch absichern.

TEHERAN. Cola-Trinker im Iran stehen täglich vor einem Dilemma. Ob Pepsi oder Coca-Cola: Greifen sie zur braunen Brause amerikanischer Getränkeriesen, demonstrieren sie damit westliches Lebensgefühl. Und doch stärken sie zugleich das Mullahregime im Land. Denn ausgerechnet die Limonaden vom Staatsfeind USA werden im Iran von islamischen Stiftungen hergestellt. Im Fall von Coca-Cola ist das die Bonyad-e Imam Reza. Benannt ist die Stiftung („Bonyad“) nach dem vor knapp 1 200 Jahren gestorbenen achten Imam der Schiiten, ihre Zentrale liegt unweit seiner Grabstätte bei der Stadt Mashad. Sie hält eine Lizenz des US-Konzerns.

Es gibt etwa 120 religiöse Stiftungen im Iran. Oft jahrhundertealt wie die Imam Rezas, dienten sie traditionell als Sammelstellen für die milden Gaben islamischer Gläubiger an verarmte Glaubensbrüder. Damit begnügen sie sich längst nicht mehr: Seit der Islamischen Revolution von 1979 unter Ajatollah Khomeini haben sich die Stiftungen von den Sozialwerken, die sie einst sein sollten, in milliardenschwere Industrie-Konglomerate verwandelt, die sogar mit Feinden im Westen Geschäfte machen.

Doch die vorherrschende Stellung der Stiftungen in Irans Wirtschaft ist bedroht – von den Revolutionsgarden von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Seit der 2005 die Macht übernahm, drängt er die bisher fast allmächtigen Stiftungen aus vielen Geschäften und schanzt den Revolutionsgarden, denen er selbst einst als Kommandeur diente, einen Großauftrag nach dem anderen zu.

In der Wirtschaft verdrängen Ahmadinedschads paramilitärische Revolutionswächter mit ihren Konzernen die Kleriker mehr und mehr von den Schaltstellen. Am Freitag bei der zweiten Runde der Parlamentswahl wollen sie auch politisch die Kleriker ein Stückchen mehr entmachten. Nach der Wahl dürften erstmals mehr Revolutionsgardisten im Parlament sitzen als Imame. Der Teheraner Politologe Davoud Bovand nennt diese Machtübernahme einen „schleichenden Militärputsch“.

Das Muster ist nicht neu. Ahmadinedschads Revolutionsgarden kopieren das, was die islamischen Stiftungen nach der Revolution vormachten. Sie waren es, die sich die gewaltigen Vermögen und Industrieimperien des verscheuchten Schahs von Persien einverleibten und so zu Wirtschaftsgiganten aufstiegen.

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