Iran
Mullahs gegen Nackenrollen

Das Klischee des ordentlich geschorenen „Bürstenschnitts“ galt bislang nur für Angehörige des Militärs. Im Iran jedoch legt die religiöse Regierung Wert auf einen anständig rasierten Nacken. Dies geht nun so weit, dass Friseuren, die Kundenwünsche nach einem modischen Haarschnitt erfüllen, ein Berufsverbot droht.

BERLIN. Während sich halb Europa um auf Fotos wegretuschierte Speckröllchen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sorgt, regt sich bei Irans Mullahs immer heftiger der Widerstand gegen die Nackenrolle. Jedenfalls hat Teherans Polizei jetzt 700 Friseursalons durchsucht und anschließend 20 der inspizierten Salons geschlossen. Ihnen wurde zum Verhängnis, dass sie jungen Persern „westliche Haarschnitte“ verpassten, am schlimmsten gar Frisuren von Hollywood-Stars. Nach der Großrazzia bei den Barbieren ist nun Schluss mit hochgegelten Punkfrisuren oder eben langen Nackenrollen.

Auch die aus arabischen Nachbarstaaten herüberschwappende Mode des Augenbrauen-Zupfens wurde verboten. Wer sich an diese Enthaarungsvorgaben nicht hält, verliert für mindestens einen Monat seine Frisier-Lizenz. Denn das gilt den Religiösen, die von Männern auch mindestens einen Drei-Tage-Bart verlangen, als „weibisch“. Irans Scharia-Recht schreibt gleichmäßig kurz geschnittene Haare vor – und der Nacken muss ordentlich ausrasiert sein.

Doch das Durchgreifen gegen die Barbiere ist weit mehr als nur geschmäcklerisch: Die Mullahs meinen es todernst. Denn seit Irans Jugend immer offener die von den Klerikalen ihrem Volk vorgeschriebene Kleiderordnung ignorieren – Jungen mit Heavy-Metal-Kluft und Tattoos, Mädchen mit aufreizend kurzen Schleiern oder Jeans unter den Röcken –, greifen die Revolutionswächter wieder schärfer durch.

Auslöser waren die unerwartet offenen Proteste gegen den radikal-islamischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad nach der von ihm verfügten Rationierung von Benzin. Seine Entscheidung, jedem iranischen Autobesitzer nur noch monatlich 100 Liter Treibstoff zum staatlich subventionierten Spottpreis zu geben, quittierten viele Perser mit „Tod dem Präsidenten“-Plakaten oder brennenden Tankstellen. Seither schlagen Islam-Fanatiker wieder Liebespaare in Parks, verprügeln geschminkte Mädchen und sägen Satellitenschüsseln ab, die auf die exil-iranischen TV-Stationen in Kalifornien ausgerichtet sind. Auch Modeschauen mit den neuesten Tschador-Kreationen sollen junge Iranerinnen auf den rechten Geschmack bringen. „Die Kinder der Revolution haben unsere Regeln vollkommen verlernt“, begründet die konservative und immer in schwarzem Tschador verhüllte Abgeordnete Rafat Bajat den islamischen Marsch über den Catwalk.

Genützt hat es kaum: Das Straßenbild Teherans wird noch immer von modisch-westlich gekleideten Menschen beherrscht. Deshalb hacken die Kleriker jetzt auf die vermeintlichen Wurzeln des Übels ein: Friseurläden und Modegeschäfte werden dichtgemacht. Verantwortlich dafür zeichnen die Pasdaran-Milizen, denen auch Ahmadinedschad angehört. Also die Garde der Revolutionswächter, die die USA gerade auf die Liste der internationalen Terroristen setzen lassen will. Aktuell terrorisieren sie vor allem ihr eigenes Volk. Zumindest diejenigen, die Nackenrollen für modisch halten.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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