Iran
Neda – die Revolution hat ihre Märtyrerin

Sie stand nur am Rande der Proteste auf Teherans Straßen. Dann fielen Schüsse. Jetzt ist Neda tot. Das grausame Schicksal der jungen Frau wühlt den Iran auf und geht per Youtube und Twitter um die Welt. Neda ist so wohl zum ersten Märtyrer der zweiten iranischen Revolution geworden. Eine Spurensuche.

DÜSSELDORF. Nach allem, was wir wissen – und das ist nicht viel –, war Neda eine junge Frau in Jeans und weißen Turnschuhen, die sich mit ihrem Vater am Rande der Proteste auf Teherans Straßen aufhielt. Die Lage war brenzlig, aber Tausende von Menschen flanierten herum. Aus dem nichts heraus fällt ein Schuss. Neda fällt auf den Rücken, überall ist Blut. Ihr Augen irren umher, eher verwirrt als ängstlich. Ihr Vater und Umstehende versuchen mit den Händen, die Blutung zu stillen. Vergeblich. Schnell ist Nedas linkes Auge von Blut verdeckt, sie stirbt.

Wenige Stunden später geht Nedas Tod rund um die Welt, über die Video-Plattform Youtube, weitergereicht im Mikroblog-Dienst Twitter. Ein Passant hatte die Rettungsversuche per Handy gefilmt und den Clip hochgeladen. Damit wird nicht Mir-Hossein Mussawi, der Oppositionsführer, zum befürchteten ersten Märtyrer der zweiten iranische Revolution, sondern eine wohl unbeteiligte Passantin.

Und die Regierung erhält ihre Lektion: Im Internetzeitalter ist eine halbwegs moderne Gesellschaft nicht zu zensieren: Egal, ob man das Netz extrem verlangsamt, lokale Twitterer einschüchtert oder internationale Medien aussperrt – die Nachrichten sind nicht zu kontrollieren. Die Bilder von Nedas Tod sind kaum auszuhalten, und doch zeigt CNN das Video in einer technisch entschärften Version.

Die Regierung hatte alle Korrespondenten mit Hausarrest belegt, vielen Journalisten das Visum nicht verlängert. Am Sonntag wurde der ständige Korrespondent der BBC, Jon Leyne, des Landes verwiesen. Damit zwingen die Mullahs die Berichterstatter, Quellen aus zweiter oder gar dritter Hand zu suchen, sie auf Plausibilität und Gehalt abzuklopfen, die vielen Gerüchte von den wenigen Fakten zu trennen.

Gesichert ist inzwischen, dass am Samstag beide Seite sehenden Auges in die Konfrontation liefen. Den Ton hatte Revolutionsführer Ali Chamenei beim Freitagsgebet vorgegeben, in dem er jede Hoffnung auf eine gründliche Überprüfung des Wahlsieges von Mahmud Ahmadinedschad zunichte machte. Wer auf die Straße gehe, wer sich als Politiker nicht deutlich distanziere, verrate die Islamische Republik und müsse mit dem Schlimmsten rechnen, predigte der religiöse Führer.

Doch Mir-Hossein Mussawi, der sich vom Weggefährten Ajatollah Chomeinis zum Bannerträger der westlich orientierten Oppositionsbewegung gewandelt hatte, war nicht beeindruckt. Per Mundpropaganda, über Twitter und seine Facebook-Seite streute er den Aufruf: „Samstag, vier Uhr, vom Enghelab-Platz zur Azadi-Straße“. Wie viele Demonstranten dem folgten ist unklar. Die Straßen waren voll, Beobachter sprechen von einem harten Kern von etwas 3 000 Demonstranten.

Doch die Staatsmacht hatte alle wichtigen Plätze besetzt, die befürchteten Basiji-Milizen gingen mit Tränengas und Schlagstöcken gegen jede Ansammlung vor. Damit zerstreuten sie den Aufruhr: Überall flammten Straßenkämpfe auf, Demonstranten warfen Steine, steckten Fahrzeuge in Brand. Vereinzelt fallen Schüsse, Fotos und Videos zeigen zahlreiche Verletzte. Die Regierung spricht am Sonntag von rund zehn Toten, Beobachter vor Ort mit Berufung auf Krankenhausangaben von bis zu 40, andere Schätzungen gehen von bis zu 150 Toten aus.

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