Iran
Proteste flammen neu auf

Am 30. Jahrestag der Besetzung der US-Botschaft ist es in Teheran am Dienstag zu den größten Unruhen seit Mitte September gekommen. Sondereinheiten der Polizei sowie Mitglieder der paramilitärischen Revolutionsgarde setzten auf dem zentralen Haft-e-Tir-Platz Tränengas gegen mehrere Hundert Demonstranten ein.
  • 0

DUBAI. Augenzeugen zufolge wurden bei den schweren Straßenschlachten mindestens fünf Teilnehmer festgenommen. Obwohl die Sicherheitskräfte die Proteste schnell eingrenzen konnten, sprachen Experten in Teheran von neuem „psychologischen Rückenwind“ für die Reformkräfte. „Die Oppositionellen haben deutlich gemacht, dass sie sich trotz der Drohkulisse nicht einschüchtern lassen: Die Regierung wird dauerhaft mit Unruhen leben müssen“, sagt ein langjähriger Beobachter, der sich aus Sicherheitsgründen nicht namentlich zitieren lassen will. Vor wenigen Wochen habe es noch danach ausgesehen, dass dem Lager um den Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi die Luft ausgehe.

Politische Analysten in der Region warnten aber vor Euphorie. „Die Demonstrationen sind zwar eine Herausforderung für das Regime, aber sie setzen es nicht unter Druck“, sagte Mustafa Alani vom Gulf Research Centre, einer unabhängigen Denkfabrik in Dubai. So hätten radikale Revolutionsgardisten im neuen Kabinett mehr Einfluss als zuvor. Auch in der Atom-Frage gebe es keinerlei Signale, dass die Regierung auf das Angebot des Westens eingehe. „Im Gegenteil: Revolutionsführer Ali Khamenei hat deutlich gemacht, dass der Deal, Uran im Ausland anreichern zu lassen, inakzeptabel sei“, betont Alani.

Die Protestler trugen grüne Schals oder Armbänder – die Wahlkampffarbe von Oppositionsführer Mir-Hossein Mussawi, der nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom 12. Juni zu Massenprotesten gegen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad aufgerufen hatte. Oppositionsanführer Mussawi und Ex-Präsident Mohammed Chatami waren nicht zu der Kundgebung erschienen. Nach Aussagen von Teilnehmern wurde der ehemalige Parlamentssprecher Mahdi Karrubi, am Haft-e-Tir-Platz verprügelt, bevor ihn seine Leibwächter in Sicherheit bringen konnten. Nach weiteren Augenzeugenberichten stellten sich auf dem Gelände der Teheraner Universität rund 2 000 Studenten den Sicherheitskräften entgegen. Die oppositionsnahe Internetseite Mowcamp verbreitete, dass es auch an anderen Orten, wie in Shiraz, Proteste gegeben habe. Seit dem frühen Morgen hatten Polizisten, Revolutionsgardisten und Bassidsch-Milizen die Straßen Teherans kontrolliert. Es war die größte Protestaktion seit dem „Jerusalem-Tag“ am 18. September. Damals nutzten Tausende Reformer die offizielle Kundgebung gegen die Besatzungspolitik Israels, um gegen Ahmadinedschad zu demonstrieren.

Auch versammelten sich vor der ehemaligen US-Botschaft Tausende Anhänger der Regierung zu einer offiziellen Kundgebung. Der einflussreiche Abgeordnete Gholamali Haddadadel griff die Oppositionsführer an: „Ich weiß nicht, wie sie sich vor der großen iranischen Nation rechtfertigen wollen“, sagte er. „Sie nennen sich Anhänger der Revolution, aber ihre Erklärungen dienen den Interessen von Irans Feinden.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Iran: Proteste flammen neu auf"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%