Iraner wählen Expertenrat
Der Mullahs müde

Wie bei einem Roadmovie lässt sich die Stimmungslage der Iraner bei einer Fahrt im Sammeltaxi entlang Teherans Prachtboulevard Vali-e-Asr erleben – Szenen aus einem geteilten Land.

TEHERAN. Grau und schwer liegt die Glocke aus Smog und Wolken über Teheran. Hier oben, im Nobelviertel Darband, kann man noch einigermaßen frei atmen. Doch nun geht es die 18 Kilometer lange Vali-e-Asr-Straße hinab, vom Elburs-Gebirge bis zu den Ausläufern der Salzwüste Dasht-e Kavir schlängelt sich der Prachtboulevard und überwindet gut 700 Meter Höhenunterschied. Er durchschneidet den 14-Millionen-Einwohner-Moloch von Nord nach Süd. Die Fahrt auf der Vali-e-Asr wird zum Spiegel für das ganze Land.

Ein Land, in dem es einen erbitterten Kampf zwischen den Islamisten gibt, die ihre Macht verteidigen, und einer Bevölkerung, die nach Freiheit dürstet. Ein Land, dessen Bild in erster Linie strenge Mullahs, hasserfüllte Demonstranten und ein Präsident mit atomaren Ambitionen prägen, die aber nur einen klein Teil dieser wohl ältesten Kulturnation repräsentieren. Ein Land, das weltweit die zweitgrößten Erdölreserven besitzt, aber den Großteil seines Treibstoffs im Ausland kaufen muss. Am morgigen Freitag sind die Iraner zu einer der wichtigsten Wahlen aufgerufen. Mit ihrer Stimme entscheiden sie über die Besetzung des Expertenrats – und damit auch, wer in Teheran das Sagen hat (siehe Kasten: „Machtkampf“). Ein Stimmungsbild aus einem geteilten Land.

Die Fahrt die Vali-e-Asr hinunter beginnt nördlich der 410 Hektar großen Sommerresidenz des letzten, 1979 gestürzten Monarchen. In einem 31 Jahre alten Paykan (Persisch: der Pfeil), den der Besitzer als Sammeltaxi einsetzt, geht es stadteinwärts. Der Paykan ist das erste Auto, das Iran gebaut hat – ein Nachbau des britischen Hillman Hunter aus den 60er-Jahren. Erst vor drei Jahren wurde es vom Band genommen und durch den Peugeot 206 ersetzt.

Vorwärts geht es im Dauerstau der Metropole nur im Schneckentempo. Immer wieder zwängen sich Mopedfahrer und Fußgänger durch die Blechlawine – ein mutiges Unterfangen. Die Folge: drei Verkehrstote pro Stunde. Hinzu kommen 5 000 Opfer des Smogs pro Jahr.

Erster Stopp des Taxis, das schicke Tandiz-Einkaufszentrum. Hier bummeln junge Perserinnen an Modeläden vorbei. Zwei von ihnen sind Mera und Roja. Ihr Kopftuch haben sie weit nach hinten gezogen, einzelne Haarsträhnen lugen darunter hervor. Damit zeigen sie ihren Protest gegen das Regime. Denn die Mullahs wollen bedecktes Haar.

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