Irina Bokowa
Außenseiterin wird Unesco-Chefin

Die ehemalige bulgarische Außenministerin Irina Bokowa ist überraschend für den Chefposten der Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation nominiert worden und soll damit den Japaner Koichiro Matsuura. Der eigentliche Favorit für den Posten war durch isrealkritische Äußerungen in die Kritik geraten.

HB PARIS. Als Außenseiterin trat die Bulgarin Irina Bokowa die Vorwahl zum neuen UNESCO-Chef an. Als überraschende Siegerin geht sie aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen den umstrittenen Ägypter Faruk Husni hervor. Mit 31 gegen 27 Stimmen hat sie für die Überraschung der diesjährigen Abstimmung des 58-köpfigen Exekutivrats gesorgt, der sich in Paris am Dienstagabend nach langem Nervenkitzel im fünften Wahlgang endlich auf einen Kandidaten einigen konnte. Wenn die Generalkonferenz die Wahl am 15. Oktober bestätigt - was eine reine Formsache ist, denn die Delegierten folgen in der Regel dem Votum des Exekutivrats - wird die 57-Jährige die erste Frau an der Spitze der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) sein.

Der große Verlierer des Rennens um die Nachfolge von Koichiro Matsuura ist der 71-jährige Husni, der als Favorit in die Wahl ging. Seit Monaten schon wurden Allianzen und intensive Lobbyarbeit um seine Person betrieben, doch blieben bis zuletzt Zweifel an seiner Kandidatur - auch wenn er in allen Wahlgängen mehr als 20 Stimmen erhielt. Vor wenigen Monaten erinnerten in einem in der Presse veröffentlichten Artikel französische Intellektuelle und Kulturschaffende daran, dass Husni 2008 im ägyptischen Parlament vorschlug, israelische Bücher zu verbrennen, falls solche in den ägyptischen Bibliotheken vorhanden sein sollten.

Ein Satz, der so nie gefallen sein soll, wie Husni der französischen Tagezeitung „Le Figaro“ erzählte. Seiner Version zufolge habe ihm ein fundamentalistischer Abgeordneter vorgeworfen, in den Bibliotheken Bücher gefunden zu haben, die den Islam beschimpfen, woraufhin Husni geantwortet habe: „Wenn es Bücher gibt, die den Islam beschimpfen, dann bringe sie zu mir. Ich werde sie verbrennen.“ Nach dieser Polemik war Husni für viele Staaten nicht mehr wählbar.

Ursprünglich standen neun Kandidaten zur Wahl, darunter auch die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, die sich am Sonntag mit elf Stimmen überraschend aus dem Rennen zurückzog. Sie bat die Mitglieder des Exekutivrats, ihre „europäischen“ Stimmen nun auf Bokowa zu übertragen, die mit zwei Stimmen vor ihr lag. Auch die Diplomatin aus Ecuador, Ivonne Juez de Baki, schmiss das Handtuch, nachdem sie es am Samstag auf neun Stimmen gebracht hatte - aber ohne jegliche Wahlempfehlung. Überraschend führte ihr Rückzug zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen, aus dem Bokowa und Husni am Montag mit jeweils 29 Stimmen hervorgingen.

Bereits am Samstag war die Zahl der Kandidaten kurz vor der dritten Abstimmungsrunde von neun auf fünf zusammengeschrumpft. So wurden die Kandidaten aus Litauen, Tansania, Benin und Russland von den Ländern, die sie vorgeschlagen hatten, zurückgezogen. Vor allem der schnelle Rückzug des russischen Vize-Außenministers Alexander Jakowenko überraschte. Noch im ersten Wahlgang zählte er zu den Hauptkonkurrenten Husnis. Er hatte bei seiner Kandidatur auf Russlands Erhöhung der jährlichen Beitragszahlung von acht auf zwanzig Mio. Euro gesetzt. Laut Medienberichten aus Moskau wurde Lobbyarbeit gemacht wie zuletzt vor dem Zuschlag für die Olympischen Spiele in Sotschi.

Wenn die Generalkonferenz Bokova am 15. Oktober bestätigt, wird die Bulgarin die erste Frau an der Spitze der 1945 gegründeten Weltkulturorganisation sein. Ein Kriterium, dass bei den Verhandlungen hinter den Kulissen und der Entscheidung des Exekutivrats sicherlich auch eine Rolle gespielt haben dürfte.

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