Irland-Referendum
Unentschieden und uninformiert

In wenigen Tagen stimmen die Iren über die EU-Verfassung ab - als einziges Land in Europa. Noch aber scheint ein Sieg der Befürworter längst nicht ausgemacht. Eine Rundreise.

WEXFORD. Dustin ist ein selten hässliches Vieh. Er hat ein grünliches Gesicht, einen wirren grauen Mop auf dem Kopf und einen dicken pinkfarbenen Schnabel. Die Iren kennen die Puppe seit 1990 als "Dustin the Turkey" aus dem Fernsehen. Der Rest Europas sollte sie beim Eurovision Song Contest kennenlernen. Doch Dustins grauenhaftes Gekrächze zum Stampfbeat wurde schon im Halbfinale von der Bühne gebuht.

Die nationale Blamage in Belgrad verdrängte wenigstens für einen Tag eine andere drohende Blamage aus den Schlagzeilen: die irische Volksabstimmung über den Lissabonner EU-Vertrag am 12. Juni. Die Iren sind die Einzigen, die ihre Bürger über die abgespeckte EU-Verfassung abstimmen lassen - ein Gesetz zwingt die Regierung dazu. Lange Zeit sah das Ganze wie eine Formsache aus. Schließlich sind alle großen Parteien, der Gewerkschaftsbund und die Wirtschaftsverbände geschlossen dafür. Doch kurz vor dem Endspurt wächst die Nervosität im traditionell pro-europäischen Establishment der Grünen Insel.

Zu Recht, wie sich auf der letzten regionalen Diskussionsveranstaltung des von der Regierung finanzierten "National Forum on Europe" zeigt. Sie findet in Wexford statt, einem Küstenstädtchen im Südosten Irlands. Wexford war vor gut zwei Jahrhunderten das Zentrum des Aufstands gegen die englische Herrschaft, und auch heute weht ein Hauch von Rebellion durch den Konferenzsaal in White's Hotel, das mit seiner wuchtigen, modernen Fassade wie ein Zeuge des wirtschaftlichen Aufschwungs aus den engen Gassen herausragt.

"Die EU macht unsere Fischerei kaputt", protestiert ein Mann im grauen Pullover. "Drei Viertel unserer Fische werden von Ausländern weggefangen." Mit vor Wut zitternder Stimme fügt er hinzu: "Keiner von uns Fischern wird für den Vertrag stimmen." Eine ältere Frau sagt, sie sei es leid, von den Politikern zu einem Ja genötigt zu werden. "Irland lebt von Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus, und all das ist gefährdet" - die industriellen Erfolge des "keltischen Tigers" scheinen hier noch nicht angekommen zu sein.

Mehr als zwei Stunden lang prasseln Vorwürfe auf die Befürworter des EU-Vertrags ein. Jeder dritte der rund 90 Gäste greift nach dem Mikrofon, während hinter den Stuhlreihen der Tee kalt und die Sandwiches trocken werden. Wer gekommen ist, hat ein Anliegen mitgebracht, und die meisten hier äußern sich vehement gegen den Vertrag. Das heißt, es geht ihnen eigentlich nicht um den Vertrag, es geht um die EU. Die Brüsseler Bürokraten scheinen Irland bis in kleinste Details zu regieren.

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